
Das Sterben Johannes Pauls II. und die Wahl Benedikts XVI. zog in den zurückliegenden Wochen die Aufmerksamkeit der ganzen Welt auf sich. Christen und Nichtchristen nahmen daran Anteil. Kritiker des Papstamtes konnten daran ebenso wenig vorübergehen wie Bewunderer. Gleichzeitig wurden über beide Päpste mancherlei Kommentare geschrieben und Urteile gefällt.
Über Johannes Paul wurden auch von der weltlichen Presse überwiegend positive Beurteilungen ausgesprochen: Besonders seine historische Rolle bei der Überwindung des Ost-West-Konfliktes wurde gewürdigt, aber auch seine Bedeutung für die weltweite Christenheit. Daneben gab es freilich auch kritische Äußerungen, bis hin zum Vorwurf der Rückständigkeit und Frauenfeindlichkeit.
Um so eifriger und vorlauter waren denn auch die Forderungen und Erwartungen, die laut wurden noch bevor der neue Papst überhaupt gewählt wurde: Nun müsse das „gemeinsame Abendmahl“ gestattet, die Frauenordination eingeführt, das Zölibat aufgehoben, die Haltung in der sog. Homo-Frage korrigiert und überhaupt mehr „fortschrittliche“ Reformen in der römisch-katholischen Kirche eingeführt werden.
Und dann wurde Kardinal Joseph Ratzinger gewählt und wurde Papst Benedikt XVI. Zwar wurden nun jene unrealistischen Forderungen nicht mehr ganz so laut vorgetragen, aber sie blieben im Raume stehen, von einigen aber auch um so hartnäckiger vorgetragen. Obwohl jedermann den bisherigen Kardinal Ratzinger als einen Mann kennt, der sich nicht verbiegen läßt, waren manche so naiv zu erwarten, als Benedikt XVI. könne oder müsse er nun das Gegenteil von dem tun, was er als Kardinal bisher vertreten hat.
Zurückhaltender lautete da schon die Erwartung, die unser Herr Landesbischof Dr. Weber in der Braunschweiger Zeitung (20.4.) äußerte, indem er schrieb: „Aus unserer Sicht muss man auch an die Zukunft der Themen Abendmahlsgemeinschaft und Anerkennung nicht-katholischer Kirchen denken. Wir hoffen, daß Bewegung hineinkommt.“
Die „Regierungserklärung“ des neuen Papstes
In der Reformationszeit saßen Renaissancepäpste auf der sog. Cathedra Petri, die oftmals mehr Kunstmäzene und weltliche Herrscher waren als Hüter und Bewahrer des rechten Glaubens. Sie vermochten den Reformatoren keine andere Antwort zu geben, als sie (nach Ps. 80,14) als die Säue zu bezeichnen, die den Weinberg Gottes zerwühlen. Die Frage stand im Raum: War dies nicht der Antichrist? Heute erleben wir fromme Päpste, denen die Evangeliumsverkündigung Herzenssache ist - jedenfalls darf dies trotz mancher Frömmigkeitsformen, die uns als Lutheranern fremd sind, - von Johannes Paul II. und Benedikt XVI. gesagt werden. Was ist unter diesen Umständen von Benedikt XVI. zu erwarten?
Wenn es stimmt, daß - wie gesagt wurde - die erste Predigt eines neuen Papstes so etwas wie eine Regierungserklärung darstellt, so verdient die Predigt Benedikts XVI. vom 21. April besondere Beachtung. Es war die Predigt der ersten Messe am Morgen nach seiner Wahl. Er hielt sie in der Sixtinischen Kapelle vor den Kardinälen, die ihn am Tag zuvor gewählt hatten. Darin erklärte er unter anderem, daß er sich der Ökumene zuwenden würde, was sogleich von der Presse emphatisch verbreitet wurde. Die Schlagzeile der Braunschweiger Zeitung lautete: „Papst reicht den Protestanten die Hand!“ Das weckte sogleich die Assoziation an jene zuvor geäußerten unrealistischen Forderungen und Erwartungen. Doch was hatte Benedikt XVI. wirklich gesagt, d. h.: In welchem Sinne beabsichtigt er auf die Ökumene zuzugehen?
Derjenige Teil seiner Predigt, in dem er hierauf Bezug nahm, folgte unmittelbar auf seine Äußerungen zur Eucharistie. Wörtlich hatte er gesagt: „Ich bitte alle, die Liebe und die Frömmigkeit zu Jesus in der Eucharistie in den kommenden Monaten zu intensivieren und auf mutige und klare Weise den Glauben an die reale Gegenwart des Herrn zum Ausdruck zu bringen, insbesondere durch die Festlichkeit und die Richtigkeit der liturgischen Feiern.“ Sodann erinnerte er an die Bedeutung des „Amtspriestertums“, das – wie Johannes Paul II. gesagt habe „im Abendmahlssaal zusammen mit der Eucharistie entstanden“ sei. Sodann fuhr er fort: „Von der Eucharistie genährt und gestärkt, können die Katholiken nicht anders, als sich nach jener vollen Einheit zu sehnen, die Christus im Abendmahlssaal inständig herbeigesehnt hat.“
Die Gegenwart Christi im
hl. Altarsakrament
Dies ist die Voraussetzung, von der aus Papst Benedikt XVI. seine Bemühung um die Ökumene versteht. Alle, die von dem Nachfolger Johannes Paul II. Änderungen im Hinblick auf die bisherige Absage Roms an das „gemeinsame Abendmahl“ oder das priesterliche Amtsverständnis erwarten, sollten diese „Regierungserklärung“ genau analysieren. Sie enthalten eine klare und eindeutige Absage an diejenigen, die erwarten, nun würde eine offene Abendmahlsgemeinschaft mit allen Protestanten eröffnet. Der bei der Fernsehübertragung dolmetschende und erläuternde Kommentator sagte denn auch (sinngemäß): „Also eine Abendmahlsgemeinschaft mit Protestanten, für die Brot und Wein beim Abendmahl nur Symbole sind, gibt es keine Gemeinschaft!“ Dies steht allerdings so nicht wortwörtlich in der schriftlich veröffentlichten Predigt.
Für uns lutherische Christen sind das gesegnete Brot und der gesegnete Wein des Heiligen Abendmahls allerdings nicht nur Symbole. Sie sind „der wahre Leib und das wahre Blut unseres Herrn Jesu Christi, uns Christen zu essen und zu trinken, von Christus selbst eingesetzt.“ - so lernten wir mit den Worten Luthers im Kleinen Katechismus. Noch einfacher formulierte Luther: „Dies Brot ist der Leib Christi“ (lateinisch „Panis est Corpus Christi“). Über alle dogmatischen Formeln der einzelnen Konfessionen hinweg ist dies ist das gemeinsame Band, das uns nicht nur mit der römisch-katholischen, sondern auch mit den orthodoxen Kirchen verbindet. Da Papst Benedikt XVI. in seiner ersten Predigt seine Absicht, auf die Ökumene zuzugehen, so deutlich mit dem Bekenntnis zur Gegenwart des Herrn im Altarsakrament verband, darf man annehmen, daß er hier anknüpfen will. Schon bald nach der Amtsübernahme wurde deutlich, wie sehr er sich den orthodoxen Glaubensbrüdern zuwandte. Und was uns Lutheraner angeht: Es ist bekannt: Auch er weiß, was in unseren lutherischen Bekenntnisschriften steht. Von da aus darf man gespannt sein, welche ökumenischen Impulse aus Rom kommen werden.
In den letzten Jahrzehnten haben auch manche evangelische Christen das heilige Abendmahl neu entdeckt. Aber davon, daß im Leben der evangelischen Christenheit "die Eucharistie als Quelle und Gipfel des Lebens und der Sendung der Kirche" gilt, kann leider nicht die Rede sein. Tatsächlich haben sich dabei die Verhältnisse gegenüber der Reformationszeit ganz auf den Kopf gestellt: Mit welcher Leidenschaft hat doch Luther einst nicht nur das Evangelium in die Mitte des kirchlichen Lebens gestellt, sondern auch die Gegenwart Christi im Sakrament bezeugt. Der Ruf zum Empfang des Heiligen Abendmahls wurde in den Gemeinden mit so großer Dankbarkeit angenommen, daß die lutherischen Bekenner 1530 in Augsburg sagen konnten: „Es ist vor aller Augen, daß die Heilige Messe bei uns mit größerer Andacht gefeiert wird als bei unsern Widersachern.“ Damals konnte jeder, der eine lutherische Messe besuchte, erleben, daß über diesem Gottesdienst ein Abglanz der göttlichen Wirklichkeit lag, die durch die sakramentale Gegenwart Christi gegeben ist. „Mit allerhöchster Ehrfurcht“ wurde das heilige Abendmahl gefeiert und peinlich darauf geachtet, daß dem Sakrament keine Unehre angetan wurde.
Als im Jahre 1954 der - damals sehr populäre - Jesuitenpater Leppich in Braunschweig seine volksmissionarische Predigt hielt, wies auch er auf die zentrale Bedeutung der sakramentalen Gegenwart Christi im heiligen Abendmahl hin. Er rief im Blick auf die dabei auch zahlreich anwesenden evangelischen Christen aus: „Ihr Protestanten, auf euren Altären wächst ja Gras!“ In der ihm eigenen brutalen Sprache rief er damit ins Bewußtsein, daß man im Protestantismus, die Gnadenquelle des heiligen Altarsakramentes zu einer Nebensache gemacht oder ganz vergessen hatte. Die Art und Weise, wie man in evangelischen Kirchen heutzutage mit dem Altarsakrament verfährt, würde ihn heute wohl nicht weniger hart urteilen lassen – und erst recht hätte Martin Luther derartiges mit harten Worten gegeißelt. (Vgl. den Beitrag „Kennen Sie den Pfarrer Wolferinus.)
Wenn Papst Benedikt nun in seiner ersten Predigt betonte, daß ihm die Bemühung um die Ökumene ein wesentliches Anliegen sei und dabei betont, daß die Christen gerade durch das Leben aus der Gegenwart Christi im Sakrament über die Konfessionsgrenzen hinweg wieder zu größerer Einigkeit gelangen könnten, sollte er jedenfalls bei lutherischen Christen ein dankbares Echo finden.
Vor einiger Zeit sagte jemand über den Unterschied zwischen evangelisch und katholisch: Die katholischen Christen gehen oft zum Heiligen Abendmahl, die evangelischen Christen selten oder gar nicht. Es wird weithin übersehen, daß Papst Benedikt mit seinem Ruf zum Leben aus der Gnadenkraft des Sakramentes nicht ein spezifisch römisch-katholisches Anliegen zum Ausdruck brachte, sondern etwas, was ebenso für die orthodoxe Christenheit - sowohl der byzantinischen wie der orientalischen - selbstverständlich ist. Es ist zugleich das über die Jahrhunderte bewahrte apostolische Erbe, das - wie gesagt - das bekenntnisgebundene Luthertum mit den alten Konfessionskirchen der weltweiten Christenheit verbindet.
Zu diesem apostolischen Erbe gehört freilich auch die Verkündigung des Evangeliums selbst. Dies hat uns gerade die Begegnung mit den syrisch-orthodoxen Christen bestätigt. Wir konnten staunend bemerken, daß diese sich das Evangelium in aller Einfalt bewahrt haben, obwohl auch sie manche Frömmigkeitsformen pflegen, die den abendländischen Christen oft fremd sind. Zuweilen kam es zu merkwürdigen Situationen, wenn die orientalischen Christen bei Gesprächen mit deutschen Arbeitskollegen feststellten, daß diese (sich „evangelisch“ nennenden Christen) in der Bibel gar nicht Bescheid wussten oder sie überhaupt nicht kannten.
Wenn man das, was man in den Morgenandachten des Rundfunks hören kann, zum Maßstab nehmen kann für das, was auf evangelischen Kanzeln gepredigt wird, ist es allerdings kein Wunder, daß die biblische Botschaft in unserm Volk kaum noch verstanden wird. Oft genug sind es nur banale Lebensweisheiten, die mit dem Evangelium wenig zu tun haben. Seit Generationen lernen ja die Theologen die Bibel kaum noch mit der Einfalt der gläubigen Christen zu lesen, sondern nur noch durch die Brille der sog. „historisch-kritischen Methode“ – einer Methode, mit deren Hilfe man z. B. beweisen kann, daß Goethes Faust zweiter Teil unmöglich vom selben Verfasser stammen kann wie der erste. Bei einer solchen Bibelauslegung ist es kein Wunder, daß dann oft das Gegenteil von dem herauskommt, was wortwörtlich dasteht - und so lässt man das über konfessionelle Grenzen hinweg gemeinsame apostolische Erbe weit hinter sich.
Dabei haben die reformatorischen Väter doch so eindeutig festgelegt, daß die Bibel nur in „einfältigem Verstand“ ausgelegt werden darf. In den lutherischen Bekenntnisschristen heißt es, daß „allein die heilige Schrift der einige Richter, Regel und Richtschnur, nach welcher als dem einigen Probierstein sollen und müssen alle Lehren erkannt und beurteilt werden, ob sie gut oder bös, recht oder unrecht sein.“ Die Heilige Schrift müsse in streitigen Artikeln so verstanden werde, wie sie in der Kirche Gottes von den damals Lebenden (d. h. den Aposteln) verstanden und ausgelegt wurde.
Die Bemühung um größere ökumenische Gemeinsamkeit wird gewiß nur gelingen, wenn man sich allseits um das gemeinsame apostolische Erbe bemüht. Lutheraner wissen, daß es nicht um eine „Einheit“ in einer einheitlichen Kirchenorganisation (unter Rom) geht. Die Confessio Augustana Art. VII. hebt hervor, daß es um die Einigkeit in der Verkündigung des Evangeliums und der Feier der Sakramente geht. Diese kann auch ohne Gemeinschaft am Altar gegeben sein - viel tiefer und inniger als eine formale Kirchengemeinschaft.
D.
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Bild: Luther am Altar (Konserkration)