"Ist Brüdern anders?"

St.Ulrici-Brüdern - eine evangelisch-lutherische Bekenntnisgemeinde

Nachstehend die Wiedergabe des Vortrags von Pfarrer i. R. Jürgen Diestelmann vom 14. Dezember 2000.

Meine Damen und Herren, liebe Brüder und Schwestern!

"Ist Brüdern anders?" - dieses Thema ist mir gegeben, um Ihnen heute abend die Eigenart, den Charakter und das Selbstverständnis der Kirchengemeinde St. Ulrici-Brüdern zu erläutern. Gewiß wurde ich nicht zufällig darum gebeten. Denn ich war nicht nur fünfzehn Jahre (1975-1991 ) selbst Pastor dieser Gemeinde, sondern bin insgesamt immerhin 50 Jahre lang meinen Weg mit ihr gegangen. Schon als Student lernte ich sie kennen und war 1953/54 bei Pastor Max Witte als Vikar tätig. Darum gestatten Sie mir bitte, daß ich im Folgenden hier und da auch einige ganz persönliche Erfahrungen und Reminiszenzen mit einflechte.

"Ist Brüdern anders?": Diese Frage wird zuweilen gestellt, obwohl die Gemeinde eigentlich nichts Besonderes sein will. Schon 1953 hieß es in einer Erklärung, die die Gemeinde offiziell vor der Landessynode abgab: "Die Brüderngemeinde versteht sich selbst als eine Gemeinde der Braunschweigischen evangelisch-lutherischen Landeskirche und legt allen Wert auf diese Feststellung." Gleichzeitig erklärte sie in Übereinstimmung mit der Verfassung der Landeskirche ihre Bindung an die Bibel als das Wort Gottes, sowie ihre Bindung an die Bekenntnisschriften, in denen diese biblische Lehre von den lutherischen Glaubensvätern niedergelegt wurde. Diese Erklärung gilt heute genauso wie damals.

"Ist Brüdern anders?": Diese Worte sind neuerdings in die Frage nach dem "besonderen Profil" der Gemeinde gekleidet worden. Es geht allerdings um mehr als das Profil im Sinne ihres äußeren Erscheinungsbildes, sondern um die Frage nach dem inneren Selbstverständnis der Gemeinde, das heißt um die Frage, wie sie sich selbst als evangelisch-lutherische Bekenntnisgemeinde versteht.

Die erste Antwort darauf ist formaltheologischer Natur, indem ich auf die Bindung der Kirchengemeinde an die lutherischen Bekenntnisschriften verweise. Unter den Bekenntnisschriften versteht man diejenigen Dokumente, in denen die gültige Lehre der lutherischen Kirche verbindlich niedergelegt wurde. Es sind dies die Schriften, die im Konkordienbuch zusammengefaßt sind: Die drei sog. "altkirchlichen" Glaubensbekenntnisse (Apostolicum, Nicaenum, Athanasianum), das Augsburgische Bekenntnis von 1530 und deren Apologie, die Schmalkaldischen Artikel mit dem Traktat von der Gewalt und Oberhoheit des Papstes, der Kleine und der Große Katechismus Luthers und die Konkordienformel.

Jeder Pastor wird bei seiner Ordination auf das lutherische Bekenntnis verpflichtet. Die Bedeutung dieser Verpflichtung wird jedoch unterschiedlich interpretiert. Unsere Kirchengemeinde weiß sich an die evangelisch-lutherischen Bekenntnisschriften gebunden, "weil" in ihnen die Heilige Schrift verbindlich erklärt wird. So verstehen sich diese Dokumente selbst und so sind sie in der lutherischen Kirche ursprünglich verstanden worden. Mancherorts hat es sich jedoch eingebürgert, die Bekenntnisschriften nur als verbindlich anzuerkennen, "soweit" diese die Lehre der Heiligen Schrift wiedergeben. Ihre Aussagen sind damit der Beliebigkeit preisgegeben und werden im einzelnen daher kaum beachtet.

Mit dieser formaltheologischen Antwort will ich mich jedoch nicht begnügen, sondern möchte Ihnen näher verdeutlichen, was es für St. Ulrici-Brüdern bedeutet, innerhalb der Landeskirche eine strikt an das lutherische Bekenntnis gebundene Gemeinde zu sein. Ich bitte Sie dazu zunächst um Ihre Aufmerksamkeit für einige historische Gedanken, die uns dann unmittelbar zu unserem Thema hinführen werden.

Im Jahre 1528 führte Johannes Bugenhagen hier in der Stadt Braunschweig die lutherische Reformation ein. Wenige Monate zuvor trug sich in unserer Brüdernkirche ein aufsehenerregendes Ereignis zu. Viele Bürger neigten damals bereits der Reformation zu und wünschten ihre Einführung. Aber die Gegenpartei versuchte das Vordringen des evangelischen Glaubens zu stoppen. Darum berief sie 1527 einen namhaften Pater aus dem benachbarten Magdeburg hierher. Vor einer großen Volksmenge predigte er in unserer Brüdernkirche. Als er dabei aber darzulegen versuchte, daß der Mensch durch seine guten Werke selig werden könne, sprang der Bürger Henning Rischau auf und rief laut "Pape, du lügst!", Die ganze Gemeinde begann darauf, spontan das Lutherlied "Ach Gott vom Himmel sieh darein" zu singen.

Solche Vorkommnisse im Gottesdienst sind gewiß in keiner Weise gutzuheißen. Aber diese Begebenheit hätte sich kaum so zugetragen, wenn nicht für die Braunschweiger Bürger an diesem Punkte eine Existenzfrage angerührt worden wäre. Sie hatten nämlich inzwischen aus dem Evangelium gelernt, daß es nicht möglich ist, die Erkenntnis der Gnade Gottes durch eigenes Tun herbeizuzwingen, sondern daß Gott uns von sich aus in Jesus Christus nahekommt. Aufgabe der Kirche ist es nicht, den Menschen zu sagen, was sie alles tun müssen, um Gottes gnädigen Willen zu erkennen, sondern die Kirche hat zu verkündigen, daß Gott selbst uns seine Gnade in Jesus Christus allein schenkt. Die Theologen nennen dies die Rechtfertigung allein aus Gnade. Sie bestimmt unsere Existenz als Christen.

Wie die Diskussion um die in jüngster Zeit mit Rom ausgehandelte "Gemeinsame Erklärung" zeigte, erscheint diese Frage heute Vielen eher als eine abstrakte Theologenfrage, sozusagen als ein Unterparagraph in dem riesigen Komplex christlicher Dogmen, nicht aber als eine Frage die unsere menschliche Existenz unmittelbar berührt. Wo bewegt sie die Menschen heute so wie die Braunschweiger Bürger 1527?

Aber auch für Luther war dies eine Existenzfrage. Er war über Gottes Gericht so erschrocken, daß er diesen Gott, den wir gern als den "lieben Gott" bezeichnen, zunächst nur als zornig und fern, nicht als gnädig erkennen konnte. Wenn er fragte "Wie kriege ich einen gnädigen Gott?", war das keineswegs nur die seelenquälende Frage eines überspannten mittelalterlichen Mönches, wie manche denken. Es gibt hingegen gerade in unserer heutigen, modernen Zeit immer wieder Ereignisse, die erweisen, daß diese Frage eine Existenzfrage für jeden Menschen ist. Ich nenne einige Beispiele, wo diese Frage für Viele heute unausweichlich wird:

·        Als das Fährschiff Estonia mit mehreren Hundert Passagieren in der Ostsee versank,

·        Als in der jüngsten Vergangenheit wieder viele Menschen bei Erdbeben und Naturkatastrophen umkamen,

·        als der ICE bei Eschede verunglückte,

·        als die Concorde in Paris abstürzte,

·        als die Touristenbahn im Tunnel von Kaprun verbrannte,

·        oder auch wenn Tod oder Schicksalsschläge in das Leben jedes einzelnen Menschen eingreifen.

Jedes Mal, wenn uns solche Nachrichten erreichen, wird gefragt: "Wie kann Gott das zulassen? - Wo war er an diesem Tage?" Das heißt doch: Man vermag dann Gott nicht mehr als den "lieben Gott" zu erkennen. Wo ist der "gnädige Gott"? Wenn auch unter sehr verschiedenen Voraussetzungen, ist dies dieselbe Frage wie die des Mönchs Martin Luther in seiner Klosterzelle "Wie kriege ich einen gnädigen Gott?". Die Antwort der Bibel lautet in allen Fällen: Nur im Glauben an das Evangelium Jesu Christi kann man den Gott, der so unglaublich hart in die Geschicke der Menschen eingreifen kann, als gnädigen Gott, als den "lieben Gott" erkennen.

Nach dem Ende des 2. Weltkrieges stellte sich die Frage nach dem gnädigen Gott für unser Volk ebenso. Ganz gleich unter welchen parteipolitischen Voraussetzungen: Der verlorene Krieg wurde als schreckliches Gericht empfunden. Nicht nur unsere Städte lagen in Trümmern, auch die Menschen waren seelisch zutiefst erschüttert. 1947 verstarb Wolfgang Borchert, der Verfasser des ergreifenden Heimkehrerdramas "Draußen vor der Tür". Borcherts Heimkehrer blieb ohne Hoffnung. Er fand den gnädigen Gott der Bibel nicht. Aber im selben Jahr setzte ein anderer Heimkehrer unüberhörbare Hoffnungszeichen. Braunschweig lag in Trümmern. Fast der gesamte Wohnbezirk der Brüdernkirche war zerstört, als Pastor Max Witte als Heimkehrer nach Braunschweig zurückkehrte. Er war vom Anfang bis zum Ende des Krieges einfacher Soldat gewesen, aber während dieser Zeit zum Pastor der Brüdernkirche gewählt worden. In der französischen Kriegsgefangenschaft hatte er seine mitgefangenen Kameraden aufgerüttelt und ihnen Gottes Wort gepredigt. Unter den harten Bedingungen des Lagerlebens sammelte er schon da eine gläubige Gemeinde.

Nun kam er hierher. Die Brüdernkirche war inzwischen schwer beschädigt. Nur die Kapelle stand als gottesdienstlicher Raum zur Verfügung. Hier begann er unmittelbar nach seiner Heimkehr, Gottes Wort zu predigen. Seine Predigten waren keine allgemeinen religiösen Betrachtungen. Ganz konkret bezeugte er vielmehr, daß die Bibel nicht nur von Gottes Liebe redet, sondern auch davon, daß Gott einerseits sein auserwähltes Volk mit strafendem Gericht heimsuchen kann, sich aber andererseits in dem unter uns gegenwärtigen Christus als gnädigen Gott finden lassen will. So gab er den Menschen in der Braunschweiger Trümmerzeit die Antwort Luthers: In Christus - und nur in Ihm - ist Gott uns gnädig. Wir finden Gott da, wo er sich nach seinen eigenen Worten finden lassen will: in Wort und Sakrament, und zwar nicht nur innerlich und in unseren eigenen Gedanken, sondern wirklich und real.

Er tat damit nichts anderes als das, was unser lutherisches Bekenntnis (im Augsburgischen Bekenntnis) als die Aufgabe der Kirche beschreibt: Das Amt der Kirche ist es, den Menschen durch die Verkündigung des Wortes Gottes und die Darbietung der Sakramente den rechtfertigenden Glauben zu vermitteln. Zu diesem Glauben gelangt man nicht durch verstandesmäßige Überlegung oder Überredung, sondern nur durch Wort und Sakrament.

Der Heimkehrer Max Witte gab diese Antwort nicht nur hinter Kirchenmauern, sondern auch bei Straßenpredigten und Volksmissionswochen und rief die Menschen zum Hören auf Gottes Wort, zum Glauben an Christus durch Umkehr und Buße. Denn gerade dann, wenn Gottes Gericht auf uns liegt, kann man den gnädigen Gott finden. So hatte der Herr Jesus Christus angesichts der Toten, die unter dem einstürzenden Turm von Siloah begraben wurden, gesagt: "Wenn ihr euch nicht bekehrt, werdet ihr genauso umkommen!" Gerade so hat er uns die Liebe des himmlischen Vaters verkündigt.

Diese Botschaft wurde in der notvollen Nachkriegszeit von Vielen gehört. Rasch sammelte sich hier eine Gemeinde, die dankbar und glaubensfroh die biblische Verkündigung von dem uns in Jesus Christus gnädigen Gott aufnahm. Auch für sie war dies zur Existenzfrage geworden. Ebenso wie für die 1527 in der Brüdernkirche versammelte Gemeinde die Frage, ob Glaube oder Werke zu Gott führen, keine abstrakte Theologenfrage war, sondern ihre Existenz unmittelbar berührte, ebenso wie sie auch Luthers Frage eine Existenzfrage war, so war es in der damaligen trostlosen Trümmerzeit für die sich hier in Brüdern sammelnde Gemeinde eine Existenzfrage, die den Menschen Trost und Hoffnung gab. Viele der Gemeindeglieder waren zuvor glaubenslos oder ohne eine innere Bindung an Kirche und Evangelium aufgewachsen. Hier wurde ihr Leben auf einen neuen Grund gestellt. Im Gegensatz zu der Trostlosigkeit des Heimkehrers in Wolfgang Borcherts Drama "Draußen vor der Tür" vermochte der Heimkehrer Max Witte in Braunschweigs Trümmerzeit neues Gottvertrauen zu vermitteln. Ich selbst denke noch manchmal an die bewegenden Gottesdienste von damals zurück, besonders zum Beispiel an die Osternachtsmesssen, bei denen sich - heute kaum vorstellbar - mehr als 120 Menschen in der kleinen Kapelle, dem damals einzigen gottesdienstlich nutzbarem Raum drängten und in den fröhlichen Osterjubel einstimmten. Für alle, die das damals miterlebten, waren dies bewegende, einmalige Erlebnisse, aber das, was diesen zugrundelag, ist bis heute bestimmend geblieben: die Erfahrung, daß gerade der Gott, unter dessen Gericht wir uns beugen müssen, uns mit seiner Gnade in Wort und Sakrament ganz real begegnet: Er redet selbst durch sein heiliges Wort und ist real gegenwärtig im heiligen Altarsakrament.

Meine Damen und Herren! Dies habe ich Ihnen jetzt nicht nur als historische Besinnung auf das Gemeindeleben der Nachkriegszeit erzählt. Dies kennzeichnet vielmehr seither die Kirchengemeinde Brüdern-St. Ulrici.

Nicht nur in Braunschweig fand das gottesdienstliche Leben in der Brüdernkirche seither Beachtung. Unter lutherischen Christen in ganz Deutschland sprach es sich schon damals herum: In der Brüdernkirche Braunschweigs wird die lutherische Messe gefeiert. Dort finden Menschen ganz neu zu Christus. So gewann die Gemeinde auch viele auswärtige Freunde und hat sie bis heute. Manche kamen von weit her, um dies selbst mitzuerleben. So kamen zum Beispiel auch eine ganze Reihe junger Theologen aus der Schule des Leipziger Theologieprofessors Ernst Sommerlath heimlich über die Zonengrenze. Manch einer blieb bis heute der Gemeinde freundschaftlich verbunden.

Schon in den Anfangsjahren fand die Gemeinde allerdings auch Widerspruch. Das Bild einer Gemeinde,

·        die sich nicht damit begnügte nur am Sonntagvormittag Gottesdienst zu halten, sondern täglich,

·        einer Gemeinde, die mit großer Freude und Hingabe die Liturgie und die Psalmen sang,

·        einer Gemeinde, die diese Liebe auf vielfältige Weise zum Ausdruck brachte, z. B. durch Weihrauch und Gewänder, reichen Blumen- und Kerzenschmuck auf dem Altar,

- dieses Bild entsprach überhaupt nicht dem Bild einer von bürgerlichen Konventionen und Traditionen geprägten Gemeinde.

Von Außenstehenden und Gästen wird dies bis heute empfunden, oft freilich nur auf Grund eines äußeren Eindrucks. Wenn ich im Folgenden diese Unterschiede aufgreife, so geschieht dies allein in der Absicht den Charakter der Gemeinde zu erläutern, nicht um diejenigen, die möglicherweise gegensätzliche Positionen vertreten, anzugreifen. Ich möchte lediglich unter dem gegebenen Thema unser eigenes Selbstverständnis darlegen und dafür werden.

Was ist in Brüdern "anders", was wird von Gästen, die zu uns kommen, denn "anders" empfunden? Als anders wird empfunden:

"Da wird die Bibel wortwörtlich genommen."

"Die Gemeinde feiert den Gottesdienst nach dem Vorbild der Deutschen Messe Luthers "

"Die Gemeinde feiert und empfängt das Hl. Abendmahl häufig.

"Da kniet man beim Heiligen Abendmahl und bekreuzigt sich."

"In dieser Gemeinde tragen die Pastoren Meßgewänder"

"Die Gemeinde sagt im Glaubensbekenntnis das Wort "katholisch", und ist dennoch nicht römisch-katholisch."

"Diese Gemeinde lehnt die Frauenordination ab." U. s. w.

Jedes dieser Einzelthemen müßte eigentlich in einem eigenen Vortrag abgehandelt werden. Das ist jetzt nicht möglich. Aber ich kann jetzt nur ein Thema herausgreifen: Die Stellung zur Hl. Schrift. Dieses Thema ist freilich der Schlüssel zum Verständnis aller anderen .

Zwei diametrale entgegengesetzte Positionen stehen sich im Blick auf die Bibel heutzutage einander gegenüber:

a. Der Einwand: "Die Bibel ist auch nur Menschenwort. Man darf sie nicht wörtlich nehmen."

b. Dagegen die herkömmliche lutherische Position: "Die Bibel ist Gottes Wort. Ihr muß man gehorsam sein."

Die zweite ist unsere Position. Wir haben sie nicht erfunden. Es ist die Position, die zum Beispiel Luther einnahm, als er vor dem Reichstag in Worms stand. Mögen die überlieferten Worte "Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir" nun so oder in anderer Form von Luther gesprochen worden sein, sie geben treffend sein Bibelverständnis wieder. Er sprach sie nicht aus persönlichem Trotz oder Rechthaberei. Er hat keineswegs etwas Neues erfunden, sondern vertrat eine trotz mancher Mißstände auch damals in der Kirche durchaus selbstverständliche Position. Die Bindung an das Wort Gottes ist stets für die Kirche verbindlich gewesen. Zu allen Zeiten wurde in der Kirche in den Gottesdiensten täglich das Wort Gottes gelesen. Das Lesen der Bibel und ihr wortwörtliches Verständnis ist das gemeinsame Band, daß die Kirche überall und zu allen Zeiten umschlungen hat. "So steht es geschrieben!" - hat die Kirche gegenüber allem menschlichen Eigenwillen zu verkündigen. Die Autorität des Herrn gebietet es, sein Wort genau oder - es mit wieder moderner Terminologie auszudrücken - existentiell zu nehmen. Mit dem Wort Gottes hat die Kirche eine auch für den modernen Menschen stets aktuelle Botschaft.

Dies gilt jedenfalls für die bekenntnistreue Verkündigung, wie sie in der Kirchengemeinde St. Ulrici-Brüdern selbstverständlich ist, denn - ich sagte es schon - wir bekennen uns den lutherischen Bekenntnisschriften entsprechend zur Bibel als dem Wort Gottes. Pastor Max Witte brachte es in seiner unnachahmlichen Art damals so zum Ausdruck: "Wir tun hier nichts anderes als das, was Vater Luther getan hat." Mit anderen Worten: Das Leitbild für Brüdern ist nicht irgendeine romantisierende Schwärmerei, nicht ein liturgischer Formalismus und auch kein bloßer Traditionalismus, sondern der Gottesdienst und die Verkündigung des Wortes Gottes so, wie die Kirche dies seit der Reformation und nach dem Vorbild Luther gelernt hat. Im Bekenntnis vor dem Reichstag zu Augsburg haben die lutherischen Väter - wie gesagt - bezeugt: Es ist Aufgabe der Kirche, die Menschen durch Wort und Sakrament zum rechtfertigenden Glauben zu führen. Die Rechtfertigung allein durch Gnade ist nicht eine Liebhaberei besonders frommer Menschen, sondern eine Existenzfrage für jeden, der erkennt, daß er als Mensch ein Teil der von Gott abgefallenen Welt, das heißt ein Sünder ist.

Leider ist dieses Bibelverständnis in unserer Kirche heute nicht mehr selbstverständlich. Ich möchte Ihnen dies an Hand eines persönlichen Erlebnisses erläutern. Die erste Vorlesung, die ich zu Beginn meines Theologiestudiums hörte, hielt Prof. Ernst Käsemann. Ältere Semester, die mich im Hörsaal empfingen, bereiteten mich Neuling auf das vor, was mich da erwartete. Sie sagten: Du wirst schon sehen: Diese Vorlesung steht unter dem Motto "Haut den Lukas!" Käsemann war ein konsequenter Vertreter der sog. Bultmannschen Schule. So bestand die Gesamttendenz seiner Darlegungen ein ganzes Semester lang darin, zu zeigen, daß der überlieferte Bibeltext ganz unzuverlässig sei, Lukas, der Verfasser der Apostelgeschichte, habe das ursprüngliche Evangelium bereits verfälscht. Die historisch-kritische Erforschung des Bibeltextes diente somit nicht dazu, das Wort Gottes tiefer und inniger für die Verkündigung zu erfassen, sondern Kritik daran zu üben und Teile der Bibel für zeitbedingt und überholt zu erklären oder als sekundär auszuscheiden.

Diese Bibelauslegung behauptet, die Apostel hätten nicht die Erfahrung der Wirklichkeit Gottes bezeugt, sondern sie hätten lediglich ihre subjektive Glaubensüberzeugungen in biblische Erzählungen gekleidet. Zum Beispiel sei die Auferstehung Jesu Christi nicht als Ereignis in Raum und Zeit zu verstehen, sondern die urchristliche Gemeinde habe mit den Berichten von der Auferstehung Jesu lediglich ihre subjektiven Überzeugung wiedergegeben. Sie hätte bezeugen wollen, daß "die Sache Jesu" weitergehe. Damit aber ist der Kern der biblischen Botschaft in Frage gestellt. Die historisch-kritische Bibelauslegung ist allerdings heute in der EKD zur allgemeinen Norm geworden. Sie ist an die Stelle des lutherischen Bibelverständnisses getreten. Kein Pfarramtskandidat hat noch eine Chance, seine theologische Examina zu bestehen, wenn er sie nicht beherrscht und vertritt. Andererseits mehren sich die Nachrichten, daß bekenntnistreue Pfarrer aus dem Amt gedrängt werden. ("mobbing")

Wir gehen in der Brüdernkirche jedoch mit dem überkommenen Bibelverständnis davon aus, daß die Berichte der Apostel und Propheten so wie sie in der Bibel niedergelegt sind, verbindlich sind. Die heiligen Schreiber haben darin die Zeugnisse von den Ereignissen niederlegt, in denen sie unmittelbar die Begegnung mit Gott erfuhren. Ihre Erfahrungen beruhten auf wirklichen, wenn auch meist rational unerklärbaren Geschehnissen. Gottes Handeln ist ja nie rational erklärbar. Die Bibel berichtet, wie Gott in das Geschehen dieser Welt eingriff und eingreift. Der Glaube der christlichen Gemeinde ist das Echo auf die Bezeugung dieses Geschehens. Darum können wir zu Weihnachten als Echo auf die Botschaft von der Geburt und Menschwerdung Gottes zu Recht singen "Welt ging verloren, Christ ist geboren". Darum kann man sich des erlösenden Leidens und Sterbens Jesu Christi, des Sohnes Gottes, gerade angesichts eigenen Leidens und Sterbens getrösten. Darum kann die Kirche zu Ostern im Blick auf die Verkündigung der wirklichen Auferstehung Jesu Christi den Menschen eine reale Auferstehungshoffnung vermitteln. Wir meinen, eine solche Verkündigung gibt einen ganz anderen und unerschütterlichen Halt.

Wie fragwürdig die historisch-kritische Bibelauslegung ist, zeigt übrigens die Tatsache, daß man mit der gleichen Methode auch "beweisen" könnte, daß der erste und zweite Teil von Goethes Faust unmöglich vom selben Verfasser stammen kann. Dieses Bibelverständnis ist genau das Gegenteil von dem Martin Luthers und dem der lutherischen Bekenntnisschriften. Wie schon früher die rationalistische Bibelkritik hat es dazu geführt, das kein Artikel des Glaubensbekenntnisses mehr unbestritten ist. Mit ihm werden letztlich alle biblischen Aussagen für den Glauben unverbindlich.

Bekenntnistreue Verkündigung, wie sie für uns in Brüdern selbstverständlich ist, geht von dem herkömmlichen Verständnis der Heiligen Schrift aus. Dieses ist für unsere Kirche verbindlich in den Bekenntnisschriften, dem sog. Konkordienbuch festgelegt, in dem es u.a. heißt, "daß alleine Gottes Wort die einzige Richtschnur und Regel aller Lehre sein und bleiben soll, dem keines Menschen Schriften gleichgeachtet, sondern diesem alles unterworfen werden soll.", und zwar weil die Apostel und Propheten ihre Berichte vom Heiligen Geist getragen niederschrieben.

Es ist eine Karikatur, wenn dieser Auffassung entgegengehalten wird, man behandele die Bibel als ein vom Himmel herabgefallenes Buch. Gotteswort ist uns zwar in der Gestalt von Menschenwort gegeben, aber die Apostel und Propheten waren von Gott selbst bevollmächtigte Zeugen. Gerade weil sie "Menschen wie du und ich" waren, ist ihr Zeugnis für uns von so großer Bedeutung. Sie haben ihr Zeugnis in der Vollmacht des Heiligen Geistes zunächst mündlich verkündigt und dann zum Zeugnis für die nachfolgenden Generationen schriftlich niedergelegt.

Es wird diesem Bibelverständnis zuweilen entgegengehalten, daß doch die Bibel auch Irrtümer und Widersprüche enthalte. So weist man darauf hin, daß im 3. und im 5. Mosebuch die Kaninchen unter die Wiederkäuer gerechnet werden. Aber jeder ernsthafte Bibelleser weiß, daß uns die Bibel nicht als zoologisches Lehrbuch gegeben ist. Wir lesen die Bibel nicht, um zum Glauben an wiederkäuende Hasen geführt zu werden, sondern um das Zeugnis von Gottes Handeln zu vernehmen. Die Bibel zeigt uns den Gott, der seinem Volk allezeit mit Gericht und Gnade begegnet und der sich in Jesus Christus als wahrer Gott und Mensch offenbart hat.

Um ein anderes Beispiel zu nennen: Man verweist darauf, daß im 2. Timotheusbrief der Apostel Paulus davon schreibt, daß er seinen Mantel in Troas vergessen habe, und fragt, was das mit Gottes Wort zu tun habe. Aber gerade dies ist ein Hinweis darauf, daß es wirklich Menschen von Fleisch und Blut waren, denen Gott sein heiliges Wort anvertraute. Ihre vielfältigen Berichte bezeugen uns, daß Gott nicht abstrakt, sondern in der Realität des irdischen Lebens sein Gottesvolk im Alten und im Neuen Testament führt und leitet. Auch an uns handelt er mit seinem Gericht und mit seiner Gnade.

Ja, die Bibel ist Gotteswort im Menschenwort, beides ist uns unlösbar miteinander verbunden gegeben. Aber was heißt dies? Der Wert der Bibel liegt doch im Gotteswort, nicht im Menschenwort. Wenn immer wieder auf die menschliche Seite der Bibel verwiesen wird, kommt mir wiederum eine persönliche Erinnerung in den Sinn, die mir gleichnishaft erscheint. Die Älteren unter uns erinnern sich noch daran, daß in der Not- und Hungerzeit der Nachkriegsjahre vielen geholfen wurde, weil amerikanische Kirchen und Hilfsorganisationen Carepakete nach Deutschland sandten. Sie enthielten Butter, Kaffee, Schokolade und manche wertvollen Lebensmittel, die damals in Deutschland Mangelware waren. Sie enthielten zuweilen aber auch Maismehl, das damals von der Militärregierung reichlich importiert wurde. Maismahl gab es im Gegensatz zu anderen Lebensmitteln so reichlich, daß die Hausfrauen nahezu alle Mahlzeiten mit Maismehl zubereiten mußten. Man hatte sich das bald übergegessen. Wenn nun immer wieder darauf verwiesen wird, daß die Bibel doch auch Menschenwort sei, kommt dies mir vor, wie wenn sich damals eine Familie, die ein Carepaket bekam, nur auf das Maismehl gestürzt hätte, nicht aber auf all die anderen wertvollen Lebensmittel, die doch den Wert des Carepaketes ausmachten. Der Wert der Bibel ist, daß sie nicht nur Menschenwort, sondern Gottes Wort ist. Und darauf kommt es an. Alle wissenschaftliche Erforschung der Bibel sollte darum darauf aus sein, das göttliche Wort tiefer und besser zu erfassen, damit es den Menschen zum Heil lauter und rein verkündigt werden kann.

Dies jedenfalls ist es, was vielen Christen in Brüdern-St. Ulrici immer Halt und Trost gegeben hat und was wir hier in Gegenwart und Zukunft als unsere Aufgabe ansehen: Den Menschen das Evangelium, das Heil in Jesus Christus darzubieten, so wie es geschrieben steht. Das geschieht in der Feier der Messe durch die Verkündigung des Wortes Gottes und in der Feier des Heiligen Abendmahles. Beides Wort und Sakrament, Predigt und Heiliges Abendmahl gehören darin zusammen. Über die Bedeutung, die das Heilige Abendmahl dabei hat, wird im nächsten Vortrag Ihnen Pastor Büscher berichten.

Zwei abschließende Gedanken möchte ich aber noch anfügen.

1.) In unserer Brüdernkirche gibt es eine einmalige Dokumentation des Selbstverständnisses der lutherischen Kirche in den Bildern über den Sitzen am Chorgestühl. Diese können allerdings zur Zeit nicht besichtigt werden, da sie sich zur Restauration in einer Werkstatt befinden. Die Kirchenväter von den ersten christlichen Jahrhunderten bis in die Zeit der Entstehung dieser Bilder sind dort abgebildet. Wenn wir unseren Gottesdienst, die lutherische Messe, dort feiern, werden wir jedes Mal daran erinnert, daß wir uns in Übereinstimmung mit den treuen Zeugen und Vätern der Kirche befinden. Diese Erinnerung geschieht nicht bloß aus traditionalistischen Gründen, sondern: Wenn wir uns auf das Zeugnis dieser Glaubensväter berufen, dann weil gerade ihr Zeugnis ein Hinweis darauf ist, daß die Botschaft der Bibel zu allen Zeiten aktuell ist. Die Kirche hat in ihr einen so kostbaren Schatz, daß sie es nicht nötig hat, den jeweiligen Zeitgeistideologien nachzulaufen, um "in" zu sein.

Dabei möchte ich von den am Chorgestühl abgebildeten Kirchenvätern drei besonders hervorheben, zumal sie hier in der Brüdernkirche gewirkt haben. Sie bedeuten nicht nur für uns eine bleibende Verpflichtung: Neben dem Namen Johannes Bugenhagens, der 1528 die lutherische Reformation für unsere Stadt durchführte, sind dies die Namen Joachim Mörlin und Martin Chemnitz. Sie waren nicht nur segensreich wirkende Stadtsuperintendenten Braunschweigs, unter denen das geistliche Leben in unserer Stadt einen ungeahnten Aufschwung nahm, sondern sie waren zu ihrer Zeit als Theologen für die ganze lutherische Kirche bedeutend. Joachim Mörlin und Martin Chemnitz haben gemeinsam 1563 für unsere Stadt die erste verbindliche Bekenntnisschrift, das sog. "Corpus Doctrinae" erarbeitet. Diese war praktisch Wegbereiterin des mehrfach von mir erwähnten Konkordienbuches, an dessen Zustandekommen übrigens vor allem Martin Chemnitz maßgeblich mitgewirkt hat.

2.) Als zweiten abschließenden Gedanken füge ich an: Wenn ich Ihnen nun über das Selbstverständnis der Kirchengemeinde St. Ulrici-Brüdern berichtet habe, so bedeutet dieses nicht, daß wir uns für besser zu halten als andere. In diesen 50 Jahren seit sich nach dem 2. Weltkriege in der Brüdernkirche die Gemeinde neu sammelte, ist sie durch mancherlei Höhen und Tiefen gegangen und hat zuweilen auch versagt. Wir erheben nicht den Anspruch, eine in allem vorbildliche Gemeinde zu sein. Aber ebenso wie das Volk Israel, das oftmals versagte, murrte und den Weg seines Gottes, verfehlte, von Gott dem Herrn nach dem Zeugnis der Bibel unbegreiflicherweise bewahrt wurde, so haben wir vielfach die gleiche Erfahrung gemacht. Gott bewahrt sein Volk auf seinem Weg durch die Geschichte trotz Schuld und Versagen immer wieder gnadenvoll. Daran möchten wir festhalten, denn wir haben dies gerade immer dann am deutlichsten erkannt, wenn wir treu bei der Feier der Messe, bei Wort und Sakrament blieben. Unser Herr Jesus Christus ist darin selbst mitten unter uns gegenwärtig.


Zurück zur