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"Ist Brüdern anders?"
St.Ulrici-Brüdern - eine evangelisch-lutherische
Bekenntnisgemeinde
Nachstehend die Wiedergabe des Vortrags von Pfarrer i. R. Jürgen
Diestelmann vom 14. Dezember 2000.
Meine Damen und Herren, liebe Brüder und
Schwestern!
"Ist Brüdern anders?" - dieses Thema ist mir gegeben, um Ihnen heute abend
die Eigenart, den Charakter und das Selbstverständnis der Kirchengemeinde St. Ulrici-Brüdern
zu erläutern. Gewiß wurde ich nicht zufällig darum gebeten. Denn ich war nicht
nur fünfzehn Jahre (1975-1991 ) selbst Pastor dieser Gemeinde, sondern bin
insgesamt immerhin 50 Jahre lang meinen Weg mit ihr gegangen. Schon als Student
lernte ich sie kennen und war 1953/54 bei Pastor Max Witte als Vikar tätig.
Darum gestatten Sie mir bitte, daß ich im Folgenden hier und da auch einige
ganz persönliche Erfahrungen und Reminiszenzen mit einflechte.
"Ist Brüdern anders?": Diese Frage wird zuweilen gestellt, obwohl die
Gemeinde eigentlich nichts Besonderes sein will. Schon 1953 hieß es in einer
Erklärung, die die Gemeinde offiziell vor der Landessynode abgab: "Die
Brüderngemeinde versteht sich selbst als eine Gemeinde der Braunschweigischen
evangelisch-lutherischen Landeskirche und legt allen Wert auf diese
Feststellung." Gleichzeitig erklärte sie in Übereinstimmung mit der
Verfassung der Landeskirche ihre Bindung an die Bibel als das Wort Gottes,
sowie ihre Bindung an die Bekenntnisschriften, in denen diese biblische Lehre
von den lutherischen Glaubensvätern niedergelegt wurde. Diese Erklärung gilt
heute genauso wie damals.
"Ist Brüdern anders?": Diese Worte sind neuerdings in die Frage nach dem
"besonderen Profil" der Gemeinde gekleidet worden. Es geht allerdings
um mehr als das Profil im Sinne ihres äußeren Erscheinungsbildes, sondern um
die Frage nach dem inneren Selbstverständnis der Gemeinde, das heißt um die
Frage, wie sie sich selbst als evangelisch-lutherische Bekenntnisgemeinde
versteht.
Die erste Antwort darauf ist
formaltheologischer Natur, indem ich auf die Bindung der Kirchengemeinde an die
lutherischen Bekenntnisschriften verweise. Unter den Bekenntnisschriften
versteht man diejenigen Dokumente, in denen die gültige Lehre der lutherischen
Kirche verbindlich niedergelegt wurde. Es sind dies die Schriften, die im
Konkordienbuch zusammengefaßt sind: Die drei sog. "altkirchlichen"
Glaubensbekenntnisse (Apostolicum, Nicaenum, Athanasianum), das Augsburgische
Bekenntnis von 1530 und deren Apologie, die Schmalkaldischen Artikel mit dem
Traktat von der Gewalt und Oberhoheit des Papstes, der Kleine und der Große
Katechismus Luthers und die Konkordienformel.
Jeder Pastor wird bei seiner Ordination auf
das lutherische Bekenntnis verpflichtet. Die Bedeutung dieser Verpflichtung
wird jedoch unterschiedlich interpretiert. Unsere Kirchengemeinde weiß sich an
die evangelisch-lutherischen Bekenntnisschriften gebunden, "weil"
in ihnen die Heilige Schrift verbindlich erklärt wird. So verstehen sich diese
Dokumente selbst und so sind sie in der lutherischen Kirche ursprünglich
verstanden worden. Mancherorts hat es sich jedoch eingebürgert, die
Bekenntnisschriften nur als verbindlich anzuerkennen, "soweit"
diese die Lehre der Heiligen Schrift wiedergeben. Ihre Aussagen sind damit der
Beliebigkeit preisgegeben und werden im einzelnen daher kaum beachtet.
Mit dieser formaltheologischen Antwort will
ich mich jedoch nicht begnügen, sondern möchte Ihnen näher verdeutlichen, was
es für St. Ulrici-Brüdern bedeutet, innerhalb der Landeskirche eine strikt
an das lutherische Bekenntnis gebundene Gemeinde zu sein. Ich bitte Sie dazu
zunächst um Ihre Aufmerksamkeit für einige historische Gedanken, die uns dann
unmittelbar zu unserem Thema hinführen werden.
Im Jahre 1528 führte Johannes Bugenhagen
hier in der Stadt Braunschweig die lutherische Reformation ein. Wenige Monate
zuvor trug sich in unserer Brüdernkirche ein aufsehenerregendes Ereignis zu.
Viele Bürger neigten damals bereits der Reformation zu und wünschten ihre Einführung.
Aber die Gegenpartei versuchte das Vordringen des evangelischen Glaubens zu
stoppen. Darum berief sie 1527 einen namhaften Pater aus dem benachbarten
Magdeburg hierher. Vor einer großen Volksmenge predigte er in unserer
Brüdernkirche. Als er dabei aber darzulegen versuchte, daß der Mensch durch
seine guten Werke selig werden könne, sprang der Bürger Henning Rischau auf und
rief laut "Pape, du lügst!", Die ganze Gemeinde begann darauf,
spontan das Lutherlied "Ach Gott vom Himmel sieh darein" zu singen.
Solche Vorkommnisse im Gottesdienst sind
gewiß in keiner Weise gutzuheißen. Aber diese Begebenheit hätte sich kaum so
zugetragen, wenn nicht für die Braunschweiger Bürger an diesem Punkte eine
Existenzfrage angerührt worden wäre. Sie hatten nämlich inzwischen aus dem
Evangelium gelernt, daß es nicht möglich ist, die Erkenntnis der Gnade Gottes
durch eigenes Tun herbeizuzwingen, sondern daß Gott uns von sich aus in Jesus
Christus nahekommt. Aufgabe der Kirche ist es nicht, den Menschen zu sagen, was
sie alles tun müssen, um Gottes gnädigen Willen zu erkennen, sondern die Kirche
hat zu verkündigen, daß Gott selbst uns seine Gnade in Jesus Christus allein
schenkt. Die Theologen nennen dies die Rechtfertigung allein aus Gnade. Sie
bestimmt unsere Existenz als Christen.
Wie die Diskussion um die in jüngster Zeit
mit Rom ausgehandelte "Gemeinsame Erklärung" zeigte, erscheint diese
Frage heute Vielen eher als eine abstrakte Theologenfrage, sozusagen als ein
Unterparagraph in dem riesigen Komplex christlicher Dogmen, nicht aber als eine
Frage die unsere menschliche Existenz unmittelbar berührt. Wo bewegt sie die
Menschen heute so wie die Braunschweiger Bürger 1527?
Aber auch für Luther war dies eine
Existenzfrage. Er war über Gottes Gericht so erschrocken, daß er diesen Gott,
den wir gern als den "lieben Gott" bezeichnen, zunächst nur als
zornig und fern, nicht als gnädig erkennen konnte. Wenn er fragte "Wie
kriege ich einen gnädigen Gott?", war das keineswegs nur die
seelenquälende Frage eines überspannten mittelalterlichen Mönches, wie manche
denken. Es gibt hingegen gerade in unserer heutigen, modernen Zeit immer wieder
Ereignisse, die erweisen, daß diese Frage eine Existenzfrage für jeden Menschen
ist. Ich nenne einige Beispiele, wo diese Frage für Viele heute unausweichlich
wird:
·
Als das Fährschiff
Estonia mit mehreren Hundert Passagieren in der Ostsee versank,
·
Als in der jüngsten
Vergangenheit wieder viele Menschen bei Erdbeben und Naturkatastrophen umkamen,
·
als der ICE bei Eschede
verunglückte,
·
als die Concorde in
Paris abstürzte,
·
als die Touristenbahn
im Tunnel von Kaprun verbrannte,
·
oder auch wenn Tod oder
Schicksalsschläge in das Leben jedes einzelnen Menschen eingreifen.
Jedes Mal, wenn uns solche Nachrichten
erreichen, wird gefragt: "Wie kann Gott das zulassen? - Wo war er an
diesem Tage?" Das heißt doch: Man vermag dann Gott nicht mehr als den
"lieben Gott" zu erkennen. Wo ist der "gnädige Gott"? Wenn
auch unter sehr verschiedenen Voraussetzungen, ist dies dieselbe Frage wie die
des Mönchs Martin Luther in seiner Klosterzelle "Wie kriege ich einen
gnädigen Gott?". Die Antwort der Bibel lautet in allen Fällen: Nur im
Glauben an das Evangelium Jesu Christi kann man den Gott, der so unglaublich
hart in die Geschicke der Menschen eingreifen kann, als gnädigen Gott, als den
"lieben Gott" erkennen.
Nach dem Ende des 2. Weltkrieges
stellte sich die Frage nach dem gnädigen Gott für unser Volk ebenso. Ganz
gleich unter welchen parteipolitischen Voraussetzungen: Der verlorene Krieg
wurde als schreckliches Gericht empfunden. Nicht nur unsere Städte lagen in
Trümmern, auch die Menschen waren seelisch zutiefst erschüttert. 1947 verstarb
Wolfgang Borchert, der Verfasser des ergreifenden Heimkehrerdramas
"Draußen vor der Tür". Borcherts Heimkehrer blieb ohne Hoffnung. Er
fand den gnädigen Gott der Bibel nicht. Aber im selben Jahr setzte ein anderer
Heimkehrer unüberhörbare Hoffnungszeichen. Braunschweig lag in Trümmern. Fast
der gesamte Wohnbezirk der Brüdernkirche war zerstört, als Pastor Max Witte als
Heimkehrer nach Braunschweig zurückkehrte. Er war vom Anfang bis zum Ende des
Krieges einfacher Soldat gewesen, aber während dieser Zeit zum Pastor der
Brüdernkirche gewählt worden. In der französischen Kriegsgefangenschaft hatte
er seine mitgefangenen Kameraden aufgerüttelt und ihnen Gottes Wort gepredigt.
Unter den harten Bedingungen des Lagerlebens sammelte er schon da eine gläubige
Gemeinde.
Nun kam er hierher. Die Brüdernkirche war
inzwischen schwer beschädigt. Nur die Kapelle stand als gottesdienstlicher Raum
zur Verfügung. Hier begann er unmittelbar nach seiner Heimkehr, Gottes Wort zu
predigen. Seine Predigten waren keine allgemeinen religiösen Betrachtungen.
Ganz konkret bezeugte er vielmehr, daß die Bibel nicht nur von Gottes Liebe
redet, sondern auch davon, daß Gott einerseits sein auserwähltes Volk mit
strafendem Gericht heimsuchen kann, sich aber andererseits in dem unter uns
gegenwärtigen Christus als gnädigen Gott finden lassen will. So gab er den Menschen
in der Braunschweiger Trümmerzeit die Antwort Luthers: In Christus - und nur in
Ihm - ist Gott uns gnädig. Wir finden Gott da, wo er sich nach seinen eigenen
Worten finden lassen will: in Wort und Sakrament, und zwar nicht nur innerlich
und in unseren eigenen Gedanken, sondern wirklich und real.
Er tat damit nichts anderes als das, was
unser lutherisches Bekenntnis (im Augsburgischen Bekenntnis) als die Aufgabe
der Kirche beschreibt: Das Amt der Kirche ist es, den Menschen durch die
Verkündigung des Wortes Gottes und die Darbietung der Sakramente den
rechtfertigenden Glauben zu vermitteln. Zu diesem Glauben gelangt man nicht
durch verstandesmäßige Überlegung oder Überredung, sondern nur durch Wort und
Sakrament.
Der Heimkehrer Max Witte gab diese Antwort
nicht nur hinter Kirchenmauern, sondern auch bei Straßenpredigten und
Volksmissionswochen und rief die Menschen zum Hören auf Gottes Wort, zum
Glauben an Christus durch Umkehr und Buße. Denn gerade dann, wenn Gottes
Gericht auf uns liegt, kann man den gnädigen Gott finden. So hatte der Herr
Jesus Christus angesichts der Toten, die unter dem einstürzenden Turm von
Siloah begraben wurden, gesagt: "Wenn ihr euch nicht bekehrt, werdet ihr
genauso umkommen!" Gerade so hat er uns die Liebe des himmlischen Vaters
verkündigt.
Diese Botschaft wurde in der notvollen
Nachkriegszeit von Vielen gehört. Rasch sammelte sich hier eine Gemeinde, die
dankbar und glaubensfroh die biblische Verkündigung von dem uns in Jesus
Christus gnädigen Gott aufnahm. Auch für sie war dies zur Existenzfrage
geworden. Ebenso wie für die 1527 in der Brüdernkirche versammelte Gemeinde die
Frage, ob Glaube oder Werke zu Gott führen, keine abstrakte Theologenfrage war,
sondern ihre Existenz unmittelbar berührte, ebenso wie sie auch Luthers Frage
eine Existenzfrage war, so war es in der damaligen trostlosen Trümmerzeit für
die sich hier in Brüdern sammelnde Gemeinde eine Existenzfrage, die den
Menschen Trost und Hoffnung gab. Viele der Gemeindeglieder waren zuvor
glaubenslos oder ohne eine innere Bindung an Kirche und Evangelium
aufgewachsen. Hier wurde ihr Leben auf einen neuen Grund gestellt. Im Gegensatz
zu der Trostlosigkeit des Heimkehrers in Wolfgang Borcherts Drama "Draußen
vor der Tür" vermochte der Heimkehrer Max Witte in Braunschweigs
Trümmerzeit neues Gottvertrauen zu vermitteln. Ich selbst denke noch manchmal
an die bewegenden Gottesdienste von damals zurück, besonders zum Beispiel an
die Osternachtsmesssen, bei denen sich - heute kaum vorstellbar - mehr als 120
Menschen in der kleinen Kapelle, dem damals einzigen gottesdienstlich nutzbarem
Raum drängten und in den fröhlichen Osterjubel einstimmten. Für alle, die das
damals miterlebten, waren dies bewegende, einmalige Erlebnisse, aber das, was
diesen zugrundelag, ist bis heute bestimmend geblieben: die Erfahrung, daß
gerade der Gott, unter dessen Gericht wir uns beugen müssen, uns mit seiner
Gnade in Wort und Sakrament ganz real begegnet: Er redet selbst durch sein
heiliges Wort und ist real gegenwärtig im heiligen Altarsakrament.
Meine Damen und Herren! Dies habe ich Ihnen
jetzt nicht nur als historische Besinnung auf das Gemeindeleben der
Nachkriegszeit erzählt. Dies kennzeichnet vielmehr seither die Kirchengemeinde
Brüdern-St. Ulrici.
Nicht nur in Braunschweig fand das
gottesdienstliche Leben in der Brüdernkirche seither Beachtung. Unter
lutherischen Christen in ganz Deutschland sprach es sich schon damals herum: In
der Brüdernkirche Braunschweigs wird die lutherische Messe gefeiert. Dort
finden Menschen ganz neu zu Christus. So gewann die Gemeinde auch viele
auswärtige Freunde und hat sie bis heute. Manche kamen von weit her, um dies
selbst mitzuerleben. So kamen zum Beispiel auch eine ganze Reihe junger
Theologen aus der Schule des Leipziger Theologieprofessors Ernst Sommerlath heimlich
über die Zonengrenze. Manch einer blieb bis heute der Gemeinde freundschaftlich
verbunden.
Schon in den Anfangsjahren fand die Gemeinde
allerdings auch Widerspruch. Das Bild einer Gemeinde,
·
die sich nicht damit
begnügte nur am Sonntagvormittag Gottesdienst zu halten, sondern täglich,
·
einer Gemeinde, die mit
großer Freude und Hingabe die Liturgie und die Psalmen sang,
·
einer Gemeinde, die
diese Liebe auf vielfältige Weise zum Ausdruck brachte, z. B. durch
Weihrauch und Gewänder, reichen Blumen- und Kerzenschmuck auf dem Altar,
- dieses Bild entsprach überhaupt nicht dem
Bild einer von bürgerlichen Konventionen und Traditionen geprägten Gemeinde.
Von Außenstehenden und Gästen wird dies bis
heute empfunden, oft freilich nur auf Grund eines äußeren Eindrucks. Wenn ich
im Folgenden diese Unterschiede aufgreife, so geschieht dies allein in der
Absicht den Charakter der Gemeinde zu erläutern, nicht um diejenigen, die
möglicherweise gegensätzliche Positionen vertreten, anzugreifen. Ich möchte
lediglich unter dem gegebenen Thema unser eigenes Selbstverständnis darlegen
und dafür werden.
Was ist in Brüdern "anders", was
wird von Gästen, die zu uns kommen, denn "anders" empfunden? Als
anders wird empfunden:
"Da wird die Bibel wortwörtlich
genommen."
"Die Gemeinde feiert den
Gottesdienst nach dem Vorbild der Deutschen Messe Luthers "
"Die Gemeinde feiert und empfängt
das Hl. Abendmahl häufig.
"Da kniet man beim Heiligen
Abendmahl und bekreuzigt sich."
"In dieser Gemeinde tragen die
Pastoren Meßgewänder"
"Die Gemeinde sagt im
Glaubensbekenntnis das Wort "katholisch", und ist dennoch nicht
römisch-katholisch."
"Diese Gemeinde lehnt die
Frauenordination ab." U. s. w.
Jedes dieser Einzelthemen müßte eigentlich
in einem eigenen Vortrag abgehandelt werden. Das ist jetzt nicht möglich. Aber
ich kann jetzt nur ein Thema herausgreifen: Die Stellung zur Hl. Schrift.
Dieses Thema ist freilich der Schlüssel zum Verständnis aller anderen .
Zwei diametrale entgegengesetzte Positionen
stehen sich im Blick auf die Bibel heutzutage einander gegenüber:
a. Der Einwand: "Die Bibel ist auch nur
Menschenwort. Man darf sie nicht wörtlich nehmen."
b. Dagegen die herkömmliche lutherische
Position: "Die Bibel ist Gottes Wort. Ihr muß man gehorsam sein."
Die zweite ist unsere Position. Wir haben
sie nicht erfunden. Es ist die Position, die zum Beispiel Luther einnahm, als
er vor dem Reichstag in Worms stand. Mögen die überlieferten Worte "Hier
stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir" nun so oder in anderer
Form von Luther gesprochen worden sein, sie geben treffend sein
Bibelverständnis wieder. Er sprach sie nicht aus persönlichem Trotz oder
Rechthaberei. Er hat keineswegs etwas Neues erfunden, sondern vertrat eine
trotz mancher Mißstände auch damals in der Kirche durchaus selbstverständliche
Position. Die Bindung an das Wort Gottes ist stets für die Kirche verbindlich
gewesen. Zu allen Zeiten wurde in der Kirche in den Gottesdiensten täglich das
Wort Gottes gelesen. Das Lesen der Bibel und ihr wortwörtliches Verständnis ist
das gemeinsame Band, daß die Kirche überall und zu allen Zeiten umschlungen
hat. "So steht es geschrieben!" - hat die Kirche gegenüber allem
menschlichen Eigenwillen zu verkündigen. Die Autorität des Herrn gebietet es,
sein Wort genau oder - es mit wieder moderner Terminologie auszudrücken -
existentiell zu nehmen. Mit dem Wort Gottes hat die Kirche eine auch für den
modernen Menschen stets aktuelle Botschaft.
Dies gilt jedenfalls für die bekenntnistreue
Verkündigung, wie sie in der Kirchengemeinde St. Ulrici-Brüdern
selbstverständlich ist, denn - ich sagte es schon - wir bekennen uns den
lutherischen Bekenntnisschriften entsprechend zur Bibel als dem Wort Gottes.
Pastor Max Witte brachte es in seiner unnachahmlichen Art damals so zum
Ausdruck: "Wir tun hier nichts anderes als das, was Vater Luther getan
hat." Mit anderen Worten: Das Leitbild für Brüdern ist nicht
irgendeine romantisierende Schwärmerei, nicht ein liturgischer Formalismus und
auch kein bloßer Traditionalismus, sondern der Gottesdienst und die Verkündigung
des Wortes Gottes so, wie die Kirche dies seit der Reformation und nach dem
Vorbild Luther gelernt hat. Im Bekenntnis vor dem Reichstag zu Augsburg haben
die lutherischen Väter - wie gesagt - bezeugt: Es ist Aufgabe der Kirche, die
Menschen durch Wort und Sakrament zum rechtfertigenden Glauben zu führen. Die
Rechtfertigung allein durch Gnade ist nicht eine Liebhaberei besonders frommer
Menschen, sondern eine Existenzfrage für jeden, der erkennt, daß er als Mensch
ein Teil der von Gott abgefallenen Welt, das heißt ein Sünder ist.
Leider ist dieses Bibelverständnis in
unserer Kirche heute nicht mehr selbstverständlich. Ich möchte Ihnen dies an
Hand eines persönlichen Erlebnisses erläutern. Die erste Vorlesung, die ich zu
Beginn meines Theologiestudiums hörte, hielt Prof. Ernst Käsemann. Ältere
Semester, die mich im Hörsaal empfingen, bereiteten mich Neuling auf das vor,
was mich da erwartete. Sie sagten: Du wirst schon sehen: Diese Vorlesung steht
unter dem Motto "Haut den Lukas!" Käsemann war ein konsequenter
Vertreter der sog. Bultmannschen Schule. So bestand die Gesamttendenz seiner
Darlegungen ein ganzes Semester lang darin, zu zeigen, daß der überlieferte
Bibeltext ganz unzuverlässig sei, Lukas, der Verfasser der Apostelgeschichte,
habe das ursprüngliche Evangelium bereits verfälscht. Die historisch-kritische
Erforschung des Bibeltextes diente somit nicht dazu, das Wort Gottes tiefer und
inniger für die Verkündigung zu erfassen, sondern Kritik daran zu üben und
Teile der Bibel für zeitbedingt und überholt zu erklären oder als sekundär
auszuscheiden.
Diese Bibelauslegung behauptet, die Apostel
hätten nicht die Erfahrung der Wirklichkeit Gottes bezeugt, sondern sie hätten
lediglich ihre subjektive Glaubensüberzeugungen in biblische Erzählungen
gekleidet. Zum Beispiel sei die Auferstehung Jesu Christi nicht als Ereignis in
Raum und Zeit zu verstehen, sondern die urchristliche Gemeinde habe mit den
Berichten von der Auferstehung Jesu lediglich ihre subjektiven Überzeugung
wiedergegeben. Sie hätte bezeugen wollen, daß "die Sache Jesu"
weitergehe. Damit aber ist der Kern der biblischen Botschaft in Frage gestellt.
Die historisch-kritische Bibelauslegung ist allerdings heute in der EKD zur
allgemeinen Norm geworden. Sie ist an die Stelle des lutherischen Bibelverständnisses
getreten. Kein Pfarramtskandidat hat noch eine Chance, seine theologische
Examina zu bestehen, wenn er sie nicht beherrscht und vertritt. Andererseits
mehren sich die Nachrichten, daß bekenntnistreue Pfarrer aus dem Amt gedrängt
werden. ("mobbing")
Wir gehen in der Brüdernkirche jedoch mit
dem überkommenen Bibelverständnis davon aus, daß die Berichte der Apostel und
Propheten so wie sie in der Bibel niedergelegt sind, verbindlich sind. Die
heiligen Schreiber haben darin die Zeugnisse von den Ereignissen niederlegt, in
denen sie unmittelbar die Begegnung mit Gott erfuhren. Ihre Erfahrungen beruhten
auf wirklichen, wenn auch meist rational unerklärbaren Geschehnissen. Gottes
Handeln ist ja nie rational erklärbar. Die Bibel berichtet, wie Gott in das
Geschehen dieser Welt eingriff und eingreift. Der Glaube der christlichen
Gemeinde ist das Echo auf die Bezeugung dieses Geschehens. Darum können wir zu
Weihnachten als Echo auf die Botschaft von der Geburt und Menschwerdung Gottes
zu Recht singen "Welt ging verloren, Christ ist geboren". Darum kann
man sich des erlösenden Leidens und Sterbens Jesu Christi, des Sohnes Gottes,
gerade angesichts eigenen Leidens und Sterbens getrösten. Darum kann die Kirche
zu Ostern im Blick auf die Verkündigung der wirklichen Auferstehung Jesu
Christi den Menschen eine reale Auferstehungshoffnung vermitteln. Wir meinen,
eine solche Verkündigung gibt einen ganz anderen und unerschütterlichen Halt.
Wie fragwürdig die historisch-kritische
Bibelauslegung ist, zeigt übrigens die Tatsache, daß man mit der gleichen
Methode auch "beweisen" könnte, daß der erste und zweite Teil von
Goethes Faust unmöglich vom selben Verfasser stammen kann. Dieses
Bibelverständnis ist genau das Gegenteil von dem Martin Luthers und dem der
lutherischen Bekenntnisschriften. Wie schon früher die rationalistische
Bibelkritik hat es dazu geführt, das kein Artikel des Glaubensbekenntnisses
mehr unbestritten ist. Mit ihm werden letztlich alle biblischen Aussagen für
den Glauben unverbindlich.
Bekenntnistreue Verkündigung, wie sie für
uns in Brüdern selbstverständlich ist, geht von dem herkömmlichen Verständnis
der Heiligen Schrift aus. Dieses ist für unsere Kirche verbindlich in den
Bekenntnisschriften, dem sog. Konkordienbuch festgelegt, in dem es u.a. heißt, "daß
alleine Gottes Wort die einzige Richtschnur und Regel aller Lehre sein und
bleiben soll, dem keines Menschen Schriften gleichgeachtet, sondern diesem
alles unterworfen werden soll.", und zwar weil die Apostel und
Propheten ihre Berichte vom Heiligen Geist getragen niederschrieben.
Es ist eine Karikatur, wenn dieser
Auffassung entgegengehalten wird, man behandele die Bibel als ein vom Himmel
herabgefallenes Buch. Gotteswort ist uns zwar in der Gestalt von Menschenwort
gegeben, aber die Apostel und Propheten waren von Gott selbst bevollmächtigte
Zeugen. Gerade weil sie "Menschen wie du und ich" waren, ist ihr
Zeugnis für uns von so großer Bedeutung. Sie haben ihr Zeugnis in der Vollmacht
des Heiligen Geistes zunächst mündlich verkündigt und dann zum Zeugnis für die
nachfolgenden Generationen schriftlich niedergelegt.
Es wird diesem Bibelverständnis zuweilen
entgegengehalten, daß doch die Bibel auch Irrtümer und Widersprüche enthalte.
So weist man darauf hin, daß im 3. und im 5. Mosebuch die Kaninchen unter
die Wiederkäuer gerechnet werden. Aber jeder ernsthafte Bibelleser weiß, daß
uns die Bibel nicht als zoologisches Lehrbuch gegeben ist. Wir lesen die Bibel
nicht, um zum Glauben an wiederkäuende Hasen geführt zu werden, sondern um das
Zeugnis von Gottes Handeln zu vernehmen. Die Bibel zeigt uns den Gott, der
seinem Volk allezeit mit Gericht und Gnade begegnet und der sich in Jesus
Christus als wahrer Gott und Mensch offenbart hat.
Um ein anderes Beispiel zu nennen: Man
verweist darauf, daß im 2. Timotheusbrief der Apostel Paulus davon
schreibt, daß er seinen Mantel in Troas vergessen habe, und fragt, was das mit
Gottes Wort zu tun habe. Aber gerade dies ist ein Hinweis darauf, daß es
wirklich Menschen von Fleisch und Blut waren, denen Gott sein heiliges Wort
anvertraute. Ihre vielfältigen Berichte bezeugen uns, daß Gott nicht abstrakt,
sondern in der Realität des irdischen Lebens sein Gottesvolk im Alten und im
Neuen Testament führt und leitet. Auch an uns handelt er mit seinem Gericht und
mit seiner Gnade.
Ja, die Bibel ist Gotteswort im
Menschenwort, beides ist uns unlösbar miteinander verbunden gegeben. Aber was
heißt dies? Der Wert der Bibel liegt doch im Gotteswort, nicht im Menschenwort.
Wenn immer wieder auf die menschliche Seite der Bibel verwiesen wird, kommt mir
wiederum eine persönliche Erinnerung in den Sinn, die mir gleichnishaft erscheint.
Die Älteren unter uns erinnern sich noch daran, daß in der Not- und Hungerzeit
der Nachkriegsjahre vielen geholfen wurde, weil amerikanische Kirchen und
Hilfsorganisationen Carepakete nach Deutschland sandten. Sie enthielten Butter,
Kaffee, Schokolade und manche wertvollen Lebensmittel, die damals in
Deutschland Mangelware waren. Sie enthielten zuweilen aber auch Maismehl, das
damals von der Militärregierung reichlich importiert wurde. Maismahl gab es im
Gegensatz zu anderen Lebensmitteln so reichlich, daß die Hausfrauen nahezu alle
Mahlzeiten mit Maismehl zubereiten mußten. Man hatte sich das bald
übergegessen. Wenn nun immer wieder darauf verwiesen wird, daß die Bibel doch
auch Menschenwort sei, kommt dies mir vor, wie wenn sich damals eine Familie, die
ein Carepaket bekam, nur auf das Maismehl gestürzt hätte, nicht aber auf all
die anderen wertvollen Lebensmittel, die doch den Wert des Carepaketes
ausmachten. Der Wert der Bibel ist, daß sie nicht nur Menschenwort, sondern
Gottes Wort ist. Und darauf kommt es an. Alle wissenschaftliche Erforschung der
Bibel sollte darum darauf aus sein, das göttliche Wort tiefer und besser zu
erfassen, damit es den Menschen zum Heil lauter und rein verkündigt werden
kann.
Dies jedenfalls ist es, was vielen Christen
in Brüdern-St. Ulrici immer Halt und Trost gegeben hat und was wir hier in
Gegenwart und Zukunft als unsere Aufgabe ansehen: Den Menschen das Evangelium,
das Heil in Jesus Christus darzubieten, so wie es geschrieben steht. Das
geschieht in der Feier der Messe durch die Verkündigung des Wortes Gottes und
in der Feier des Heiligen Abendmahles. Beides Wort und Sakrament, Predigt und
Heiliges Abendmahl gehören darin zusammen. Über die Bedeutung, die das Heilige
Abendmahl dabei hat, wird im nächsten Vortrag Ihnen Pastor Büscher berichten.
Zwei abschließende Gedanken möchte ich aber noch anfügen.
1.) In unserer Brüdernkirche gibt es eine einmalige
Dokumentation des Selbstverständnisses der lutherischen Kirche in den Bildern
über den Sitzen am Chorgestühl. Diese können allerdings zur Zeit nicht
besichtigt werden, da sie sich zur Restauration in einer Werkstatt befinden.
Die Kirchenväter von den ersten christlichen Jahrhunderten bis in die Zeit der
Entstehung dieser Bilder sind dort abgebildet. Wenn wir unseren Gottesdienst,
die lutherische Messe, dort feiern, werden wir jedes Mal daran erinnert, daß
wir uns in Übereinstimmung mit den treuen Zeugen und Vätern der Kirche
befinden. Diese Erinnerung geschieht nicht bloß aus traditionalistischen
Gründen, sondern: Wenn wir uns auf das Zeugnis dieser Glaubensväter berufen,
dann weil gerade ihr Zeugnis ein Hinweis darauf ist, daß die Botschaft der
Bibel zu allen Zeiten aktuell ist. Die Kirche hat in ihr einen so kostbaren
Schatz, daß sie es nicht nötig hat, den jeweiligen Zeitgeistideologien
nachzulaufen, um "in" zu sein.
Dabei möchte ich von den am Chorgestühl
abgebildeten Kirchenvätern drei besonders hervorheben, zumal sie hier in der
Brüdernkirche gewirkt haben. Sie bedeuten nicht nur für uns eine bleibende
Verpflichtung: Neben dem Namen Johannes Bugenhagens, der 1528 die lutherische
Reformation für unsere Stadt durchführte, sind dies die Namen Joachim Mörlin
und Martin Chemnitz. Sie waren nicht nur segensreich wirkende
Stadtsuperintendenten Braunschweigs, unter denen das geistliche Leben in
unserer Stadt einen ungeahnten Aufschwung nahm, sondern sie waren zu ihrer Zeit
als Theologen für die ganze lutherische Kirche bedeutend. Joachim Mörlin und
Martin Chemnitz haben gemeinsam 1563 für unsere Stadt die erste verbindliche
Bekenntnisschrift, das sog. "Corpus Doctrinae" erarbeitet. Diese war
praktisch Wegbereiterin des mehrfach von mir erwähnten Konkordienbuches, an
dessen Zustandekommen übrigens vor allem Martin Chemnitz maßgeblich mitgewirkt
hat.
2.) Als zweiten abschließenden Gedanken füge ich an: Wenn
ich Ihnen nun über das Selbstverständnis der Kirchengemeinde
St. Ulrici-Brüdern berichtet habe, so bedeutet dieses nicht, daß wir uns
für besser zu halten als andere. In diesen 50 Jahren seit sich nach dem 2.
Weltkriege in der Brüdernkirche die Gemeinde neu sammelte, ist sie durch
mancherlei Höhen und Tiefen gegangen und hat zuweilen auch versagt. Wir erheben
nicht den Anspruch, eine in allem vorbildliche Gemeinde zu sein. Aber ebenso
wie das Volk Israel, das oftmals versagte, murrte und den Weg seines Gottes,
verfehlte, von Gott dem Herrn nach dem Zeugnis der Bibel unbegreiflicherweise
bewahrt wurde, so haben wir vielfach die gleiche Erfahrung gemacht. Gott
bewahrt sein Volk auf seinem Weg durch die Geschichte trotz Schuld und Versagen
immer wieder gnadenvoll. Daran möchten wir festhalten, denn wir haben dies
gerade immer dann am deutlichsten erkannt, wenn wir treu bei der Feier der
Messe, bei Wort und Sakrament blieben. Unser Herr Jesus Christus ist darin
selbst mitten unter uns gegenwärtig.
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