Schon 1984 (!!)
Damals war das etwas Besonderes, aber schon damals -
- wurde im Pfarramt St.- Ulrici-Brüdern Braunschweig ein Computer eingesetzt.
Von DOS, Windows, e-mail, Internet und ähnlichen Dingen, die heute für jeden PC-Benutzer selbstverständlich sind, wußte damals noch kaum jemand etwas. Aber nützlich war der Computer auch damals schon.
Ein Journalist wurde aufmerksam und führte das nachfolgende Interview:
EZ-Interview (vom 2. Dezember 1984) mit Pastor Diestelmann:
Ein Computer im Pfarramt?
Noch ist das Bild ungewohnt: ein in strenges Schwarz gekleideter Pfarrer vor einem grünflimmenden Bildschirm, über den - durch eine Tastatur eingegeben - Textzeilen laufen, die dann auf einem danebenstehenden Drucker sauber und randgenau ausgedruckt werden. Wir fragten Pastor Jürgen Diestelmann von der Braunschweiger Gemeinde Brüdern-Ulrici:
EZ. Herr Pastor Diestelmann, wir haben gehört, daß Sie sich einen Computer angeschafft haben und diesen für Ihren Dienst als Pfarrer einsetzen. Wie ist so etwas möglich ?
D: Vorweg möchte ich betonen, daß ich mir den Computer privat gekauft habe. Er wurde also nicht aus einer kirchlichen Kasse finanziert. Ferner. Eine solche Anschaffung ist natürlich nur sinnvoll. wenn sie langfristig genutzt wird. Tatsächlich habe ich vor, den Computer vor allen Dingen dann noch zu nutzen, nenn ich mal in den Ruhestand gehe - sofern mich der liebe Gott so lange Zeit am Leben läßt. Dann möchte ich gern meine liturgie- und kirchengeschichtlichen Forschungen intensiv fortsetzen, die ich vor einigen Jahren begonnen habe. Aber bis dahin ist es ja noch einige Jahre Zeit...
EZ: Aber Sie nutzen das Gerät doch jetzt schon!
D: Ja, und sehr viel. Es ist mir inzwischen ein unentbehrlicher Helfer bei der Ausarbeitung von Predigten. Anfertigung von Übersetzungen und Aufsätzen für den Gemeindebrief und Vorträgen. Ausgearbeitete Predigten kann ich übrigens ohne weiteres ausdrucken und bei Alten- und Krankenbesuchen verteilen. Außerdem kann ich zum Beispiel Entwürfe oder unfertige Texte abspeichern und bei späterer Gelegenheit wieder abrufen, um sie beliebig zu bearbeiten, zu ändern oder zu erweitern.
EZ. Aber erfordert die Bedienung eines Computers nicht sehr viel Spezialkenntnisse und woher haben Sie diese ?
D: Es ist nicht so kompliziert wie man zunächst denkt. Natürlich ist eine gewisse Zeit der Einarbeitung nötig, und ein wenig logisches Denkvermögen gehört schon auch dazu. Aber man verwendet ja an Computern bestimmte "Programme", die man kaufen kann. Wenn ich erst anfangen sollte, selbst Programme zu schreiben, dann müßte ich die Arbeit im Pfarrhaus sträflich vernachlässigen, denn dazu braucht man zusätzliche Zeit und Konzentration. die man neben den Anforderungen im Pfarramt gar nicht aufbringen kann.
FZ: Was für Programme verwenden Sie denn?
D: In der Hauptsache ein sogenanntes Textbe- und verarbeitungsprogramm, aber auch Datenverwaltung. Letztere könnte man übrigens auch bei der Pfarramtsführung gut mit einsetzen. Aber soweit bin ich noch nicht.
EZ: Meinen Sie denn, daß der Einsatz von Computern in Pfarrämtern sinnvoll ist?
D: Selbstverständlich. Das ist vorläufig sicherlich eine Frage der Finanzierung. Aber ich bin der Überzeugung, daß irgendwann in der Zukunft kein Pfarramt mehr ohne Computer sein wird. Ich halte den Einsatz dieser neuen technischen Möglichkeiten sogar für nötig und wichtig, aber nicht um Arbeitskräfte zu entlassen, sondern um die Wirksamkeit der Kirche arbeitsintensiver zu gestalten.
EZ: Manche halten die moderne Computerwelt für eine teuflische Sache. Wie stehen Sie dazu?
D: Wo die moderne Datenverarbeitung dazu dient, den Menschen als seelenlose Nummer zu behandeln, ist sie sicher teuflisch und wird unsere Welt nicht reicher, sondern ärmer machen. Aber darum geht es mir ja nicht, sondern ebenso wie der Schritt . vom Federhalter zur Schreibmaschine, so ist der Schritt von der Schreibmaschine zum Computer - jedenfalls so wie ich ihn einsetze - nur ein Hilfsmittel, Arbeit besser bewältigen. Ich bin der Meinung, es ist keine Sünde. moderne Technik für den Dienst im Reiche Gottes nutzbar zu machen. Es kommt ja darauf an, daß der Mensch die Maschine und nicht die Maschine den Menschen beherrscht.
EZ. Herr Pastor Diestelmann, « danken Ihnen für dieses Gespräch.
Zum 60. Geburtstag von Pfarrer Jürgen Diestelmann (1988) trug zu dieser Thematik sein Vetter Ernst Wassermann folgendes Gedicht vor:
Use Paster un sin EDV
Schon aus dem Titel ihr erseht,
um welches Thema es sich dreht.
Fast immer sich ein Stichwort findet,
das somit dies Gedicht begründet.
Gäb' es dies nicht, Ihr lieben Seelen,
würde der Vortrag eben fehlen,
dem ohnehin mangelt Moral,
wenn es jetzt wird teils pastoral.
Noch angemerkt, leicht war's mitnichten,
ihn analytisch auszurichten,
den rechten Standort dann zu finden
und ihn empirisch zu begründen.
Nun geht es los. - Wir lasen neulich
- die Tatsache an sich erfreulich -,
daß ein gewisser Kirchenmann
jetzt wendet Elektronik an.
Den Namen wollen wir nicht nennen,
weil ohnehin ihn alle kennen.
Am Bildschirm sahen wir ihn sitzen
im Amtszimmer, die Augen blitzen,
ganz engagiert als Programmierer
wie sonst für Menschen wie Assyrer.
Dem Leser wird erst später klar:
Ein Pakt von Technik und Talar !
Es wird ihm leicht im Magen flau,
Use Paster un sin EDV?
Zur Sonntagspredigt, wie wir wissen,
ist Vorbereitung nicht zu missen.
Das Wann ist klar, aber das Wie
beflügelt stark die Phantasie.
Der Laie förmlich spürt die Stille
des Amtszimmers, die Bücherfülle,
die Geisteskraft, vom Worte lebend,
sich über Alltagskram erhebend,
denkt an Gedanken, die erst suchen
- beim Pastor geht das ohne Fluchen -,
dann konzentriert zum Text sich wenden,
um in der Aussage zu enden,
auf daß das Kirchenvolk, das fromme
eindringlich zu Gehör bekomme,
was als Extrakt der stillen Stunden
den Weg hin auf 's Papier gefunden.
Vor seinem Fenster die Mauern vom Kloster.'
Auch wenn längst schweigt das Paternoster,
sieht man im Geist die Mönche noch wallen,
hört ihren Gesang im Echo der Hallen.
Und diesenortes, o HERR vergieb,
macht es nun illisionslos 'Piep' !!
Ein Printer tickert seine Zeilen,
womöglich endlos, es gibt kein Verweilen.
Exakt und präzise vom Nadeldrucker
Buchstabe für Buchstabe, da gibt's keinen Mucker.
Ist's Fortschritt, der nicht aufzuhalten ?
Bleibt denn auch sonst alles beim alten ?
Ist's Sakrileg im Kirchenbau ?
Use Paster un sin EDV?
Das haben wir schon mitbekommen,
wem EDV zu Nutz und Frommen.
Zunächst denkt man an Industrie,
Gewerbe,Handel, eben die
den Datenfluß verwenden müssen,
damit die Dinge flüssig fließen.
Auch sieht man ihren Einfluß wachsen
im Freiberuf, Behörden, Praxen
und sieht es eigentlich auch ein.
Im Pastorat aber ? Muß das denn sein ?
Klar, daß es auch der Kirche nützt,
wenn sie sich teils auf Daten stützt.
Adressenschreiben und Listenführen,
natürlich Predigttexte redigieren,
man kann erneut sie leicht verwenden.
Damit jedoch hat's kein Bewenden;
denn um das Ganze anzureichern,
will man sogar die Bibel speichern !
Was alles jetzt da kommt zum Tragen:
Extremer Fall, würde ich sagen.
Man hört so viel vom Kind im Mann,
wie es so durchbricht dann und wann,
auch mache Spielen kreativ,
wer anders denkt gilt als naiv.
Drum soll man sich trotz aller Falten
den Spieltrieb lange noch erhalten.
Auf Suche hier nach Hintergründen
ist beinah' nur der Schluß zu finden:
Was einem sein Auto, dem anderen sein Wau-Wau
Ist Use Paster sin EDV !
Spinnen wir weiter den Schwachstromfaden,
nachdem wir bis hierher schon aufgeladen.
Mal ganz abgesehen gewissen Nutzes,
erheben sich Fragen des Datenschutzes,
Persönlichkeitsrechte, freie Entfaltung!
Was alles bringt diese Datenverwaltung?
Womit will man das Ding noch füttern?
Muß die Gemeinde am Ende noch zittern?
Wer kommt oder nicht, das macht sie im Schlafe,
natürlich benennt sie auch 'Schwarze Schafe'!
Und endgeschichtlich, ich möchte wetten,
ist alles erfaßt dann auf Disketten,
was alle so verbrochen hatten,
die guten und die schlechten Taten.
Auch das, was einmal unterlassen,
bereitet kaum Schwierigkeit zu erfassen.
Im Punkte-System, wenn's geht an's Büßen,
mit Bonus-Gutschrift für schlechtes Gewissen.
Vermutlich gibt es auch Plastikkarten,
die fälschungssicheren, keiner muß warten.
Die Reihen lichten sich sehr schnelle,
wer kommt nach oben, wer ab in die Hölle.
'Wehret dem Anfang', möchte man rufen,
doch unseren Pastor so einzustufen ?
Es hört doch im Zweifel auf seine Frau
Use Paster mit sin EDV!
Zum Schluß müssen wir einen Experten befragen.
Was würde denn Luther dazu sagen,
daß man den Inhalt seiner Lehre
und Glauben jetzt elektronisch mehre?
Dröhnte er laut unter Kopfesschütteln:
Laßt nit an den Fundamenten rütteln!
Wie sollt' die Seele je gesunden,
seit solch ein Teufelswerk erfunden?
Doch für Reformen aufgeschlossen
ist er vielleicht mitnichten verdrossen,
gefiele es gar dem hohen Herrn:
Alt-Lutherisch und doch so modern?
Er schweigt noch und bemüht das Hirn,
spricht dann, gerunzelt zwar die Stirn:
Auf Bits und Bytes kommt's nit drauf an,
das WORT bleibt fürderhin bestahn !
Und Katherina murmelt leise
im Hintergrund: Martin, wie weise !
Das hat unser Pastor gern vernommen,
dem fast die Felle weggeschwommen.
Genehmigung von höchstem Orte -
wer zweifelt schon am Luther-Worte ?
Im neuen Jahrzehnt nun an seinem Computer
bastelt froh weiter unser Guter.
Es weiß ja Bescheid nun ganz genau
Use Paster mit sin EDV !
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e-mail an: "Luther in Braunschweig"
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