Bei Cyrillus einst auf der falschen Spur
(Aus der Braunschweiger Zeitung, 23. 8. 2001)
Vier Holztafeln in der Brüdernkirche bereits restauriert
Von Karsten Mentasti
In eine hauchdünne, säurefreie Folie und dann erst in eine luftgepolsterte Schutzfolie packt Heike Billerbeck ein drittes der insgesamt 42 Tafelbilder aus dem Chorgestühl der Brüdernkirche. Ganz vorsichtig geht sie damit um, damit dem mehr als 400 Jahre alten, auf Eichenholz gemalten Heiligenbild nur ja nichts passiert. Heike Billerbeck ist Restauratorin aus Braunschweig und wie ihr Kollege Ulrich Heidtfeld aus Hannover derzeit damit beschäftigt, alle vor zwei Jahren entfernten und in einem Archiv gelagerten Bilder nach und nach zu restaurieren.
Drei Jahre hat sie dafür Zeit. Um die Finanzierung zu erleichtern, wurde die Restaurierung auf diesen Zeitraum ausgedehnt. 3500 Mark kosten die Arbeiten an jeder einzelnen Tafel, so dass insgesamt Kosten in Höhe von 150 000 Mark anfallen. 105 000 Mark davon bezahlt die Stiftung Nord LB/Öffentliche, die restlichen 45 000 Mark tragen gemeinsam Stadtkirchenverband und Gemeinde.
Bild:
Die ersten der 42 zu restaurierenden Eichenholztafeln mit Heiligenbildern befinden sich wieder in der Brüdernkirche.Heike Billerbeck und Ulrich Heidtfeld sowie Pfarrer Frank-Georg Gozdek (rechts) mit prüfendem Blick.
Foto: Diestelmann
Billerbeck und Heidtfeld präsentierten gestern Stadtkirchenbaurat Norbert Koch und dem Gemeindepfarrer von St. Ulrici, Frank-Georg Gozdek,
(vgl. Bild unten!) dessen Vorgänger Jürgen Diestelmann sowie dem Kirchenbauauschussvorsitzenden Wolfgang Jünke die ersten vier restaurierten Tafeln. Wie die restlichen 38 Gemälde zeigen sie Bildnisse von Kirchenvätern, -lehrern und Reformatoren, angefangen von Ignatius von Antiochien (gestorben 110 n. Chr.) über Ambrosius von Mailand (397), Bernhard von Clairvaux (1153) bis zu den Reformatoren Martin Luther (1546) und Georg Mylius (1607). Im unteren Teil der Tafeln sind jeweils die Stifter vermerkt - Bürgermeister, Gildemeister, Ratsherren und Adelige aus dem Weichbild Sack und der Altstadt."Die Brüdernkirche und ihre künstlerische Ausstattung sind für die Geschichte der Stadt und für die durch Bugenhagen ausgehende Reformation von einzigartiger Bedeutung", betonte Norbert Koch.
Vier der 42 Tafeln sind also fertig, die nächsten werden nun in Angriff genommen. 30 Stunden und mehr sitzen die Restauratoren an einem Bild, je nach dem Zustand des Gemäldes. Nach dem Zweiten Weltkrieg, in dem die Tafeln nicht aus dem Chorgestühl entfernt wurden, waren sie bis 1957 der Witterung ausgesetzt. Erst zu diesem Zeitpunkt wurden die Fensterscheiben im Chor der Brüdernkirche ersetzt.
Einmal waren sie seitdem gereinigt worden, doch eine erneute Restaurierung war dringend notwendig. Die Gefahr bestand, dass durch Quell- und Schrumpfvorgänge des Holzes noch mehr Farbschollen als bisher abplatzen würden.
Bis zum Einbau des neogotischen Lettners, der Trennwand zwischen Chor und Kirchenschiff, zwischen 1860 und 1908 umfasste das Chorgestühl auf Nord- und Südseite je zwei weitere Tafeln mit Heiligen. Sie sind seitdem verschwunden. Anhand einer exakten Dokumentation von 1848 fand Heike Billerbeck allerdings heraus, dass die 21. Tafel an der südlichen Seite tatsächlich einen ganz anderen Heiligen zeigt als angenommen. "Wir dachten immer, auf der Tafel ist Chrysotomus abgebildet. Tatsächlich handelt es sich aber um Cyrillus, der ursprünglich an 23. Stelle hing und bei dem letzten Umbau der Kirche zwei Stellen vorrückte", erklärte die Restauratorin. "Mal sehen, was wir noch alles entdecken."
Bis auf einer der beiden Seiten des Chorgestühls alle Tafeln fertig gestellt sind, werden sie noch nicht dauerhaft der Öffentlichkeit zugänglich sein. Zum ersten Mal sind sie am Dienstag, 18. September, zu betrachten, wenn Heike Billerbeck im Hohen Chor der Brüdernkirche über die Restaurierungsarbeiten berichten wird. Beginn ist 18.30 Uhr.
(Aus der Braunschweiger Zeitung, 23. 8. 2001.
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