Paul Gerhardt:

Ein bekennender lutherischer Christ -

nicht nur ein begnadeter Liederdichter

Er war nicht nur ein begnadeter Liederdichter, sondern auch ein treuer, unbeugsamer Bekenntnischrist: Paul Gerhardt, denn er ließ sich lieber vertreiben als vom lutherischen Bekenntnis abzulassen. Er bekannte sich von Herzen zum "Konkordienbuch", d.h. jenem Buch, in dem die Bekenntnisschriften der evangelisch-lutherischen Kirche zusammengefaßt sind. (Den Namen hat dieses Buch nach der als letzter entstandenen großen Bekenntnisschrift, der "Konkordienformel - = Formel der Eintracht). Man konnte ihn nicht zwingen, gegen das Gewissen zu handeln und von diesem Bekenntnis abzulassen.

Der Liederdichter

Seine Lieder geleiten uns durch das ganze Kirchenjahr. Eins der bekanntesten Adventslieder ist »Wie soll ich dich empfangen« (EKG 10). Zu Weihnachten singen wir: »Fröhlich soll mein Herze springen« (EKG 27), »Kommt und laßt uns Christum ehren« (EKG 29), »Ich steh an deiner Krippen hier« (EKG 28) und »Wir singen dir, Immanuel« (EKG 30). Die Jahreswende ist nicht denkbar ohne das Lied »Nun laßt uns gehn und treten« (EKG 42). Zum Eingang in die Passionszeit singen wir gern: »Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld« (EKG 62). Unter das Kreuz von Golgatha führt uns Gerhardt in seinem Lied »O Welt, sieh hier dein Leben« (EKG 64). 7 seiner Passionslieder sind Nachdichtungen lateinischen Hymnen. Das bekannteste dieser sog. "Salvelieder" ist »O Haupt voll Blut und Wunden« (EKG 63). Zu Ostern jubeln wir: »Auf, auf, mein Herz, mit Freuden nimm wahr, was heut geschicht (EKG 86). Pfingsten feiern wir mit: »Zeuch ein zu deinen Toren« (EKG 105)

Unter den Morgen- und Abendliedern des Gesangbuches sind viele von ihm. Seine Kreuz- und Trostlieder sind für jeden Christen Lichtstrahlen im Dunkel der Anfechtung sein und Quelle des Trostes und der Kraft, so zum Beispiel: »Befiehl du deine Wege« (EKG 294), »Warum sollt ich mich denn grämen (EKG 297), »Gib dich zufrieden und sei stille in dem Gotte deines Lebens« (EKG 295). Seine Sterbenssehnsucht und Heimweh nach dem himmlischen Vaterhaus kommt in seinem »Pilgerlied« ergreifend zum Ausdruck: »Ich bin ein Gast auf Erden« (EKG 326).

Dies ist nur ein Teil der Lieder, die Paul Gerhardt schuf. Wir besitzen von ihm einschließlich seiner Gelegenheitsgedichte 133 Lieder. So wurde er durch seine Lieder zum Seelsorger und Tröster ungezählter Christen.

Ein Leben voll von Anfechtungen und Prüfungen

Im Blick auf Paul Gerhardts Lebenslauf und auf seine trostvollen Lieder wird meist daran erinnert, daß es die Zeit des 30-jährigen Krieges war, in der er lebte. Aber nicht nur die Kriegsnot brachte für ihn Anfechtungen und Prüfungen.

Paul Gerhardt wurde am 12. März 1607 in Gräfenhainichen (bei Wittenberg) als Sohn eines Bürgermeisters, Ackerbauers und Gastwirts geboren. Sein Vater starb jedoch schon, als Paul Gerhardt selbst gerade erst 12 Jahre alt war. Zwei Jahre später verstarb auch seine Mutter. Von 1622 an besuchte er die Fürstenschule in Grimma und begann 1628 mit dem Studium der Theologie in Wittenberg. Wo er sich in den Jahren 1628-42 aufhielt, ist unbekannt. Ende 1651 wurde er Propst in Mittenwalde bei Berlin und Inspektor der umliegenden Landpfarreien. Er heiratete 11. 2. 1655 Anna Maria, geb. Berthold.

Man hat oft gemeint, seine trostvollen Lieder seien aus der Not des dreißigjährigen Krieges geboren. Gewiß mag die Erinnerung daran auch eine große Rolle gespielt haben. Aber als dieser Krieg über Deutschland hereinbrach, war Paul Gerhardt noch ein Kind. Die meisten seiner Lieder entstanden erst in der späteren Lebensphase Paul Gerhardts. Es waren nicht nur die Kriegsnöte, die ihn mit seinen Liedern zum großen Tröster der evangelischen Christenheit machten, sondern die traurigen Erfahrungen, die er als bekennender Christ in der Kirche seiner Zeit machte.

Um des Bekenntnisses willen angefeindet.

Im Sommer 1657 kam er nach Berlin als Diakonus an St. Nikolai, gerade in der Zeit schwerer Lehrstreitigkeiten zwischen den lutherischen und reformierten Theologen und Predigern Berlins. Worum ging es da?

Oft wird bei der Schilderung dieser Ereignisse der Eindruck erweckt, als seien es die bösen Lutheraner gewesen, die dort ständig mit ihrer Rechthaberei auf die calvinistischen Eindringlinge geschimpft und dadurch Streit erregt hätten. Tatsächlich aber lagen die Anfänge dieser Auseinandersetzungen schon lange vor dieser Zeit. Es hatte schon Tradition, daß die Calvinisten dort, wohin sie kamen, stets versuchten, die Gottesdienste und kirchlichen Ordnungen in ihrem Sinne zu verändern.

Die Calvinisten traten damals nämlich den Lutheranern gegenüber mit der gleichen Überheblichkeit auf wie dies die Vertreter "moderner", sog. historisch-kritischer Bibelauslegung in heutiger Zeit gegenüber denjenigen Christen tun, die die Bibel "noch immer" für Gottes Wort halten. Schon Calvin hatte für sich den Anspruch erhoben, daß er eigentlich Luther viel besser verstanden habe als Luther sich selbst. Im Katechismus der Calvinisten ("Heidelberger Katechismus") wird die Frage (78) "Wird denn aus Brot und Wein der wirkliche Leib und das Blut Christi?" mit einem klaren "Nein" beantwortet und hinzugefügt: "... so wird auch das heilige Brot im Abendmahl nicht der Leib Christi selbst, auch wenn es nach Art und Gebrauch der Sakramente der Leib Christi genannt wird." Und die Heilige Messe wird wenig später "eine vermaledeite Abgötterei" genannt. Mit diesen Sätze richteten sich die Calvinisten nicht nur gegen die römische, sondern gleichermaßen auch gegen die lutherische Messe.

Schon seit Jahrzehnten versuchten calvinistisch gesonnene Prediger, auch in Berlin Einfluß zu gewinnen. 1613 war Kurfürst Johann Sigismund vom lutherischen Bekenntnis abgefallen und zum Reformiertentum übergetreten. 1615 gab es in Berlin einen Tumult. Der Auslöser war ein Bildersturm im damaligen Berliner Dom. Ein Jahr zuvor war die Kirche den Lutheranern weggenommen und den Reformierten, den Calvinisten eingeräumt worden, obwohl es von ihnen nur eine Handvoll in Berlin gab, im wesentlichen nur die Hofleute und der Hofprediger reformierter Abkunft.

Die Calvinisten entfernten aus dem alten Berliner Dom damals den ganzen kostbaren Bilderschmuck, rissen die Kruzifixe heraus und zerschlugen die Bilder, deren Trümmer sie in den Fluß warfen. Sie zerschlugen den Taufstein und beseitigten die Altäre. Sie ließen das Gotteshaus kahl und leer bis auf einen einfachen Tisch im Chorraum. Darauf haben sich die damals mehrheitlich lutherisch gesonnenen Berliner - die waren auch noch fromm damals! - mit öffentlichem Tumult gewehrt.

Über die Jahre hin versuchten sich die Calvinisten immer mehr durchzusetzen und wurden darin vom Kurfürsten unterstützt. So steigerten sich die Auseinandersetzungen - noch verschärft dadurch, daß Friedrich Wilhelm, der Große Kurfürst, die Verpflichtung der Pfarrer auf die »Konkordienformel« bei der Ordination aufhob, und den Geistlichen mit der Erneuerung eines Ediktes vom Jahre 1614 verbot, auf den Kanzeln darüber zu sprechen. Er verbot seinen Landeskindern das Studium der Theologie und Philosophie in Wittenberg.

Paul Gerhardts Bekenntnistreue

Im Sommer 1657 kam Paul Gerhardt nach Berlin als Diakonus an St. Nikolai. Er arbeitete vorzügliche lutherische Gutachten aus für das von dem Großen Kurfürsten ausgeschriebene Religionsgespräch zwischen den lutherischen und reformierten Predigern Berlins.

Fünf Jahre verwaltete Gerhardt friedlich sein Amt an St. Nikolai, angesehen und beliebt in allen Kreisen, dann trafen ihn die Ereignisse, die entscheidend in sein äußeres und inneres Leben eingreifen sollten. Zwar waren Glaubensfreiheit und Gleichstellung beider Bekenntnisse zugesichert, aber es konnte unter dem Übergewicht des Hofes nicht ausbleiben, daß der Einfluß der Reformierten beständig zunahm. Die Gegensätze verschärften sich, die Kampfstimmung in beiden Lagern wuchs. Das ging in Berlin so lange, bis der Kurfürst offen für die Reformierten Partei ergriff und die lutherischen Geistlichen zu Toleranz und Anerkennung der reformierten Lehre verpflichtete, und zwar durch Edikte, die angeblich den Kirchenfrieden wiederherstellen sollten (!). Zur Toleranz waren die Lutheraner bereit, die zweite Forderung jedoch ging ihnen gegen das Gewissen. Sie konnten die Echtheit des evangelischen Glaubens nur in der Form der lutherischen Lehre anerkennen, wie sie in den Bekenntnisschriften niedergelegt war. Von der darin niedergelegten unverfälschten Lehre des Wortes Gottes konnten sie um kein Jota abweichen. Hatte man in den jahrzehntelangen Glaubenskriegen deshalb gekämpft und gelitten, um nun doch noch den reinen Glauben angefochten zu sehen? Jedes Zurückweichen wäre in ihren Augen schimpflich und feige gewesen. Hatte doch auch Luther, als es darauf ankam, nicht nachgegeben.

Die Forderung, die der Kurfürst stellte, war außerdem sehr einseitig. Denn von seinen Reformierten verlangte er keine entsprechende Erklärung und: War man sicher, daß dem ersten Nachgeben nicht noch weitere Forderungen folgen würden? Auf Despoten war noch nie ein sicherer Verlaß!

Auf Grund der Verpflichtung auf die Konkordienformel, die Paul Gerhardt aus innerer Überzeugung eingegangen war, konnte er die kurfürstliche Verordnung nicht durch seine Unterschrift anerkennen, wie von ihm verlangt wurde.

Auch hatte er im Auftrage des Konsistoriums Berichte und Eingaben an den Kurfürsten mitverfaßt und mitunterzeichnet und stand dadurch als einer der Wortführer der Unerschütterlichen in deren vorderster Reihe. Diese Schriften lassen ihn als sattelfesten Theologen, gewandten Dialektiker und klaren, logischen Denker erkennen.

Nach langem Hin und Her hatten dann aber die meisten Pfarrer doch unterschrieben, sicherlich schweren Herzens, aber sie dachten an Amt und Brot, Familie und Kinder. Die anderen wurden 1666 ihres Amtes entsetzt, einige sogar aus dem Lande verwiesen. Auch Paul Gerhardt wurde deswegen am 13. 2. 1666 seines Amtes entsetzt, aber am 9. 1. 1667 wegen der vielen Bittschriften und Bemühungen der Bürgerschaft und des Magistrats, der »Gewerke« und der märkischen Landstände wieder in sein Amt eingesetzt. In diesen Bittschriften hieß es über ihn u.a.: " ... er hat alle und jede Zeit zum wahren Christentum durch Leben und Lehre geführt und keine Seele mit Worten oder Werken angegriffen. Was würde denn aus uns oder unserer Stadt endlich werden, wenn wir die Frommen nicht behalten und, so mit ihrem Gebet bisher noch gegen den Zorn Gottes gestanden, nicht mehr bei uns haben sollten?"

Paul Gerhardt konnte aber seiner Wiedereinsetzung nicht recht froh werden, weil ihm die Unterschrift zwar erlassen war, der Kurfürst aber von ihm erwartete, daß er sich auch so den Verordnungen fügen werde. Praktisch bedeutete dies die Anerkennung der kurfürstlichen Maßnahmen auch ohne Unterschrift. Darum nahm Gerhardt zwar seine Amtsgeschäfte wieder auf, aber nicht die Predigttätigkeit, so daß sich der Magistrat an den Kurfürsten wandte mit der Bitte, er möchte ihm den Gehorsam gegen die Verordnungen erlassen und ihm gestatten, bei allen lutherischen Bekenntnisschriften, namentlich der Konkordienformel, zu verbleiben und nach ihr seine Gemeinde zu unterweisen. Da der Große Kurfürst auf diese Bitte nicht einging, mußte Paul Gerhardt um seines Gewissens und Bekenntnisses willen im Februar 1667 auf sein Amt verzichten.

Für Gerhardt verwendeten sich Kollegen und Magistrat in einer fast flehentlichen Eingabe an den Landesherrn. Der aber, wie zu erwarten, bestand auf der Unterschrift. Aber auch Gerhardt blieb fest. Gegen sein Gewissen zu entscheiden, war ihm unmöglich. Wenn man in den wenigen von ihm erhaltenen Briefen nachliest, erkennt man, welche Gewissensnot ihn heimgesucht hat, wie groß die Bitterkeit und wie schwer die seelische Belastung gewesen waren, die er siegreich überstanden hatte.

Paul Gerhardt blieb in Berlin, ohne Amt, doch auch nicht untätig, auch nicht mittellos. Die Frucht der freien Jahre waren seine reifsten Lieder. Und so dürfen wir über das Ergebnis der Krise von Herzen dankbar sein.

Das Leben ging weiter. 1669 bot ihm Lübben in der Lausitz die Stelle des Archidiakonus an. So verließ er Kurbrandenburg und kehrte nach Kursachsen zurück. Noch in Berlin, 1668, hat er seine treue Hausfrau begraben müssen; von mehreren Kindern war nur ein Sohn übriggeblieben, der ihn überlebt hat. Bis zum Tode am 27. Mai 1676 hat er in dem kleinen, Spreewaldstädtchen gewirkt, still und bescheiden, wie es seinem Wesen entsprach.

Von all den geistlichen Erfahrungen, die Paul Gerhardt in dieser Zeit gemacht hat, zeugt auch sein Testament, das nachfolgend wiedergegeben wird:


DAS TESTAMENT PAUL GERHARDTS

"Nachdem ich nunmehr des 70. Jahr meines Alters erreicht, auch dabei die fröhliche Hoffnung habe, daß mein lieber frommer Gott mich in kurzem aus dieser Welt erlösen und in ein besseres Leben führen werde, als ich bisher auf Erden gehabt habe: so danke ich ihm zuvörderst für alle seine Güte und Treue, die er mir von meiner Mutter Leibe an bis auf jetzige Stunde an Leib und Seele und an allem, was er mir gegeben, erwiesen hat.

Daneben bitte ich von Grund meines Herzens, er wolle mir, wenn mein Stündlein kommt, eine fröhliche Abfahrt verleihen, meine Seele in seine väterlichen Hände nehmen, und dem Leibe eine sanfte Ruhe in der Erde bis zu dem lieben jüngsten Tage bescheren, da ich mit allen Meinigen, die nur vor mir gewesen und auch künftig nach mir bleiben möchten, wieder erwachen und meinen lieben Herrn Jesum Christum, an welchen ich bisher geglaubet und ihn doch nie gesehen habe, von Angesicht zu Angesicht schauen werde.

Meinem einzigen hinterlassenen Sohne überlasse ich von irdischen Gütern wenig, dabei aber einen ehrlichen Namen, dessen er sich sonderlich nicht wird zu schämen haben.

Es weiß mein Sohn, daß ich ihn von seiner zarten Kindheit an dem Herrn meinem Gott zu eigen gegeben, daß er ein Diener und Prediger seines heiligen Wortes werden soll. Dabei soll er nun bleiben und sich daran nicht kehren, daß er nur wenig gute Tage dabei haben möchte; denn da weiß der liebe Gott schon Rat zu und kann das äußerliche Trübsal mit inniglicher Herzenslust und Freudigkeit des Geistes genugsam ersetzen.

Die heilige Theologiam studiere in reinen Schulen und auf unverfälschten Universitäten, und hüte dich ja vor Synkretisten, denn sie suchen das Zeitliche und sind weder Gott noch Menschen treu.

In deinem gemeinen Leben folge nicht böser Gesellschaft, sondern dem Willen und Befehl deines Gottes. Insonderheit

1. tue nichts Böses, in der Hoffnung, es werde heimlich bleiben, denn es wird nichts so klein gesponnen, es kommt an die Sonnen.

2. Außer deinem Amte und Berufe erzürne dich nicht. Merkst du dann, daß der Zorn dich erhitzet habe, so schweige stockstille und rede nicht eher ein Wort, bis du ernstlich die 10 Gebote und den christlichen Glauben bei dir ausgebetet hast.

3. Der fleischlichen sündlichen Lüste schäme dich, und wenn du dermaleinst zu solchen Jahren kommst, daß du heiraten kannst, so heirate mit Gott und gutem Rat frommer, getreuer und verständiger Leute.

4. Tue Leuten Gutes, ob sie dir es gleich nicht zu vergelten haben, denn was Menschen nicht vergelten können, das hat der Schöpfer Himmels und der Erden längst vergolten, da er dich erschaffen hat, da er dir seinen lieben Sohn geschenket hat, und da er dich in der heiligen Taufe zu seinem Kinde und Erben auf- und angenommen hat.

5. Den Geiz fleuch als die Hölle, laß dir genügen an dem, was du mit Ehren und gutem Gewissen erworben hast, ob es gleich nicht allzuviel ist. Beschert dir aber der liebe Gott ein Mehreres, so bitte ihn, daß er dich vor dem leidigen Mißbrauche des zeitlichen Gutes bewahren wolle. Summa, bete fleißig, studiere was Ehrliches, lebe friedlich, diene redlich und bleibe in deinem Glauben und Bekenntnis beständig, so wirst du einmal auch sterben und von dieser Welt scheiden willig, fröhlich und seliglich. Amen."


e-mail an: J. Diestelmann


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