Ich glaube nicht an "das Gute im Menschen"

(Beitrag aus einem Brüdern-Rundbrief)

Ich glaube nicht an "das Gute im Menschen". Ich wundere mich, daß so viele Leute daran glauben. Oft kann man ja die Redensart hören, "das Gute im Menschen" werde sich doch durchsetzen. Aber tut es das wirklich?

Wenn man von den Greueltaten der Vergangenheit hört, zum Beispiel im dreißigjährigen Krieg oder in den KZ's unseres Jahrhunderts, muß man feststellen, daß sich jedenfalls da "das Gute im Menschen" nicht durchgesetzt hat. Wenn täglich in den Medien von schrecklichen Verbrechen, sogar an Kindern, berichtet wird, stellt man erschüttert fest: Wozu doch der Mensch fähig ist!

Es geht aber nicht nur um einzelne Verbrechertypen, die ihre Lust am Bösen haben, sondern um uns Menschen allgemein. Ein Blick auf das Fernsehprogramm eines x-beliebigen Tages zeigt, was den "normalen" Menschen offensichtlich am meisten interessiert: Verbrechen an Menschen und Sachen, blutrünstige Mordtaten, absurde Abartigkeiten und andere Schrecklichkeiten locken die meisten Menschen vor den Bildschirm. Solche Sendungen erhöhen die Zuschauerquoten. Als im Fernsehen die Details über die sittlichen Verfehlungen des amerikanischen Präsidenten an das Licht der Öffentlichkeit gebracht wurden, weckten diese so viel Interesse, daß - wie berichtet wurde - kein Sender es sich leisten konnte, auf deren Schilderung zu verzichten. Damit können die Filmemacher und Programmgestalter viel Geld verdienen! Sie würden derartige Sendungen nämlich bestimmt nicht produzieren und senden, wenn sie wüßten, daß sich "das Gute im Menschen" durchsetzen würde und die Fernsehzuschauer darum bei solchen Programmen den Fernseher abschalten würden.

"Das Böse im Menschen"

Alle Zuschauer, die nach den detaillierten Veröffentlichungen der "Clinton-Affaire" befragt wurden, gaben an, daß sie das Gesehene schrecklich und peinlich fänden. Doch daß da nicht etwas Schönes und Gutes veröffentlicht wurde, das wußten sie doch schon zuvor - und schalteten trotzdem ein! Warum übt das Böse und Verbotene einen solchen Reiz aus? Das "Böse im Menschen" scheint sich jedenfalls immer wieder in den Vordergrund zu drängen.

Mit der Stimme des Gewissens hat Gott jedem Menschen einen deutlichen Wegweiser mitgegeben, der ihm zeigt, welchen Weg er wählen soll, wenn er am Scheideweg von gut und böse steht. Doch schon auf den ersten Seiten der Bibel zeigt uns die verhängnisvolle Frage "Sollte Gott gesagt haben ...?", wie "das Böse im Menschen" zur falschen Entscheidung treibt.

Dies - nicht irgendwelche mehr oder weniger schweren Übertretungen einzelner Gebote - ist es, was die Bibel "Sünde" nennt. Daß dies die Ursache für all die vielen Übel ist, die die Menschheit in unserer Zeit drangsalieren, kann man aus der Bibel lernen. Dies zu verkündigen, gehört zum Amt der Kirche, denn ohne die Erkenntnis der Sünde gibt es keine Erkenntnis des Evangeliums.

Nun ist es ja leicht, darüber zu raisonieren, wie schlecht und sündig doch die Menschen sind und dabei immer nur an die andern zu denken. Ich bin ja selbst ein Mensch, und ich muß mich - wenn ich so viel Schlechtes bei anderen entdecke - fragen: Und wie steht es mit mir selbst? Bin ich etwa besser als andere, nur weil ich davor bewahrt wurde, auf die schiefe Bahn zu geraten? Wohnt nicht das Böse, das bei anderen so offen zutage tritt, auch in meinem Herzen? Bin ich nicht ebenso versuchlich wie die anderen?

Solche Fragen bewahren davor, so zu werden wie der Pharisäer, der so betete: "Ich danke dir, Gott, daß ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner." (Lk 18,11) - und vor Gott nicht bestehen konnte.

Aber schon im Alten Testament konnte der Prophet Micha [6,8] sagen: "Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der HERR von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott." Erst recht wissen wir als Gotteskinder des Neuen Bundes, was gut ist, nämlich dem Heiland Jesus zu folgen und von Seiner Gnade zu leben.

Eine Kopernikanische Wende - rückwärts

Als Kopernikus entdeckte, daß sich die Sonne nicht um die Erde, sondern die Erde um die Sonne dreht, bedeutete dies den Beginn der Neuzeit und den Anfang einer neuen wissenschaftlichen Weltbetrachtung: Man lernte: Wir stehen mit unserer Welt nicht im Mittelpunkt. Eigentlich hätte dies Symbolcharakter für das christliche Gottes- und Menschenbild haben können. Als Christen wissen wir doch, daß nicht wir Menschen im Mittelpunkt stehen, sondern Gott. Dies war doch bis dahin eine Selbstverständlichkeit.

Doch merkwürdigerweise vollzog sich mit dem Beginn der Neuzeit eine "kopernikanische Wende" in umgekehrter Richtung. Zunehmend sieht sich der Mensch selbst im Mittelpunkt, während Gott mehr und mehr aus dem Blickfeld gerät. In manchen "Theologien" scheint das Thema nicht mehr zu sein "Gott und der Mensch" (d.h. wie verhält sich Gott zu mir?), sondern umgekehrt "Der Mensch und Gott" (d.h. wie verhalte ich mich zu Gott - falls es ihn überhaupt gibt?). Wenn der Mensch in den Mittelpunkt rückt, verliert er aber alsbald den Blick für das, was in Gottes Augen gut ist. Letztlich verliert er Gott selbst.

Luthers Rechtfertigungslehre - hochaktuell

In der Reformationszeit war Luthers Rechtfertigungslehre von großer Brisanz und Aktualität - auch für den "einfachen Mann auf der Straße". Heute wird sie von vielen als eine tote Lehre angesehen. Tatsächlich wird sie ja von den Theologen wie ein Leichnam mit den Instrumenten philosophischer und theologischer Begrifflichkeiten seziert.

Dabei ist sie etwas höchst Lebendiges, nämlich das Schönste des Christenlebens: Daß Gott uns Menschen, die wir immer wieder zum Bösen in uns neigen, allein um der Gnade Jesu Christi willen annimmt und uns so neues Leben schenkt. Jeder kann diese Erfahrung machen: Das Böse, das in unser aller Herzen wohnt, hat Jesus längst überwunden. Darum: Ich vertraue nicht auf das "Gute im Menschen", auch nicht in mir selbst. Ich traue Ihm, dem Herrn Jesus Christus. Durch sein Wort und Sakrament spüre ich, daß er mich als Gotteskind angenommen hat. Er allein gibt mir die Kraft, das Böse zu meiden.

Warum vermag die Kirche dies den Menschen der heutigen Zeit nicht mehr so zu vermitteln wie Luther es den Menschen seiner Zeit vermitteln konnte? Gerade dies ist doch die befreiende und erlösende Botschaft angesichts einer Welt von heute, in der das Böse im Menschen zu triumphieren scheint.

D.


e-mail an:"Luther in Braunschweig"


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