"Wir machten uns klein, um ja nicht aufzufallen"
Für Aurelie Hofmann war der Tag der Verhaftung der Geschwister Scholl in der Münchner Universität ein Erlebnis, das sie nicht vergisst
Von Klaus Herrmann
Aurelie Hofmann, damals trug sie noch ihren Mädchennamen Aurelie Schüchner, bleibt der 18. Februar 1943 unvergesslich. Es war der Tag, an dem in München die Geschwister Scholl verhaftet wurden. Mit ihrer Freundin Anni Bart kam sie an jenem Donnerstagmorgen in die Münchner Universität.
Wie schon öfters wuschen Putzfrauen die an die Uni-Außenwand angeschriebenen Sätze wie "Nieder mit Hitler" ab. Während Anni, neun Jahre jünger als sie, eine Lehrer-Laufbahn für Oberschulen anstrebte, hätte man ihr nach dem Arbeitsdienst 1935 bei der Bewerbung zum Studium den Bescheid gegeben: "Sie sind untragbar, da Sie weder die Mitgliedschaft im Bund deutscher Mädchen noch die Partei-Zugehörigkeit aufweisen".
So schlug sie die Laufbahn für englische und französische Dolmetscher und Buchhalter ein. Schließlich hatte ihr dann eine Arbeitsamts-Leiterin, obwohl sie in einem kriegswichtigen Betrieb beschäftigt war, zum Studium verholfen. Aus diesem Grund, aber auch weil ihr Vater als Ruhestandspfarrer ohnehin verdächtig war, hielt sie sich mit ihrer Meinung noch mehr zurück als die anderen Studenten. Zudem, so sagt sie: "Ich war schon deshalb verdächtig, weil ich 1937 nach England gereist war. Wir wussten, dass es an der Uni eine Gruppe gab, die Widerstand leistete. Wir wussten aber nicht, wer. Darüber wurde nie gesprochen, selbst unter Freundinnen nicht."
So betraten sie an jenem Morgen die Lichthalle der Uni, um die 9.15 Uhr beginnende Philosophie-Vorlesung bei Professor Kurt Huber zu hören. Aurelie Hofmann: "Gerade da sauste der "Kleine Schmidt" aus der Pedellwohnung mit den Rufen "Packts ös!" (Packt sie!) und eilte die Treppe hinauf, denn in den völlig leeren Lichthof flatterten aus einem Koffer Flugblätter herab. Wir schnappten uns einige und verschwanden im nächsten Klo, wo wir sie flüchtig durchlasen und hinunterspülten. Auf dem Weg von den Toiletten wurden wir angehalten. Wir mussten unsere Mappen durchsuchen lassen. Der "Kleine Schmidt" (Parteigenosse und Hilfshausmeister) war nach oben gelaufen und hatte die Täter festgenommen. Durch sein Schreien wurde der Hauptpedell aktiv; er ließ sofort alle Außentüren schließen. Erst um 14 Uhr konnten wir wieder nach draußen gehen. Wir beide waren die einzigen im Licht-Hof, als die Flugblätter herunterflatterten, Schreibmaschinen-Zeilen, hektografiert."
Die Widerstandsgruppe hatte vorher schon Flugblätter in Umlauf gebracht.
Aurelie Hofmann kann sich an viele Einzelheiten erinnern: "Professor Huber stand mit der Weißen Rose in Verbindung und versuchte gerade in der Vorlesung an diesem Morgen durch einige pronazistische Sätze sein Leben zu retten."
Es war, wie sich herausstellte, zu spät. Im April wurde er von Roland Freisler zum Tode verurteilt und im Sommer hingerichtet. Hofmann: "Huber wurde von uns geschätzt, galt als zugänglich. Man konnte mit ihm reden. Er hatte vor dem Geschehen des 18. Februar durchblicken lassen, das Regime sei ihm zu autoritär. Man ahnte, dass sein Leben in Gefahr war."
Nach dem Wintersemester, im März 1943, war Huber verschwunden. Wir flüsterten: "Den haben sie erwischt!" Die gespielte Hitlersympathie hatte ihm niemand geglaubt. Wie er sprachen sich auch andere Professoren öffentlich für Adolf Hitler aus und verurteilten die Haltung der Weißen Rose. Aurelie Hofmann: "Wir, die wir mit ihnen studiert hatten, kannten den Namen der Widerstandsgruppe nicht. Wir wollten ihre Namen auch nicht kennen. Wir erkundigten uns nicht näher danach, um selbst nicht in Gefahr zu kommen. Dies können die Heutigen kaum noch nachempfinden. Selbst die Belegung der Vorlesung von Professor Huber galt als riskant. Wenn wir uns unterhielten, auch auf der Straße, sprachen wir vorsichtig. Wir schauten uns um, damit niemand mithörte." Aurelie Hofmann, sie lebt seit vielen Jahrzehnten in Braunschweig und ist kirchlich sehr aktiv, beschreibt eindringlich die Atmosphäre, die an der Universität herrschte: Angst.
Vor diesem Ereignis hatte es bereits "kritische Wandparolen" an der Uni gegeben - "von wem, weiß ich nicht." Alle hatten sich daran gewöhnt, dem nicht nachzugehen. Sie sagt: "Die Opfer haben wir bemitleidet, ja, auch bewundert. Aber wir dachten und sagten uns: Für einen Umsturz wird es nicht reichen. Verarbeitet, wie man heute sagt, haben wir die Ereignisse, indem wir alles zu vergessen suchten. Ich war damals im zweiten Semester und heilfroh, dass meine Freundin und ich unbehelligt blieben. Man war seelisch abgehärtet gegen Soldatentode und Todesurteile. Der Krieg wütete seit 1939."
Am Montag, 22. Februar, wurden alle Studenten in den großen Hörsaal zitiert. "Uns allen saß noch der Schrecken vom 18. Februar im Genick, und das Gemurmel war noch leiser geworden. Man machte sich klein, um ja nicht aufzufallen", sagt sie. Der Rektor, neben sich den Hausmeister Schmidt als Helden des Tages, erklärte: "In dieser Stunde erhalten die Festgenommenen Hans und Sophie Scholl sowie Christoph Probst den Lohn für ihre verbrecherischen Taten und werden hingerichtet. Wer von Euch auch so handelt, wird den gleichen Lohn erhalten."
"Sonst wurden wir gesiezt!" Aurelie Hofmann ist dieser Augenblick noch immer gegenwärtig. "Die Wirkung dieser Worte bewegte uns für den Rest der Hitler-Zeit. Heute weiß ich, wie eingeschüchtert wir waren." Diese Atmosphäre der Angst, in der kein offenes Wort gesprochen werden durfte, ist es, die Aurelie Hofmann nie wieder erleben wollte. Diese Erfahrung an junge Menschen weiterzugeben, die es nicht erlebt haben, darum geht es ihr.
Aus der Braunschweiger Zeitung, 16. 6. 2001.
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