GOTTES
LICHT IN HOFFNUNGSLOSER FINSTERNIS
Diese Predigt wurde am
Tag vor dem großen Seebeben gehalten
Jes 9,1-6
9, 1 Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein
großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.
2 Du weckst lauten Jubel, du machst groß die Freude. Vor dir
wird man sich freuen, wie man sich freut in der Ernte, wie man fröhlich ist,
wenn man Beute austeilt.
3 Denn du hast ihr drückendes Joch, die Jochstange auf ihrer
Schulter und den Stecken ihres Treibers zerbrochen wie am Tage Midians.
4 Denn jeder Stiefel, der mit Gedröhn dahergeht,
und jeder Mantel, durch Blut geschleift, wird verbrannt und vom Feuer verzehrt.
5 Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben,
und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat,
Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst;
6 auf daß seine Herrschaft groß
werde und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich,
daß er's stärke und stütze durch Recht und
Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit. Solches wird tun der Eifer des HERRN
Zebaoth.
Liebe Gemeinde!
1. Die alttestamentlichen Weissagungen verheißen Hoffnung
Die Worte aus dem Buch des Propheten Jesaja, die ich eben
verlas, gehören zu den alttestamentlichen Weissagungen, die alljährlich am
Heiligen Abend verlesen werden. Es sind die Weissagungen, die auf die Geburt
des Heilandes hinweisen.
Wir hörten die Weissagung, die nun erfüllt ist: „Uns ist
ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben“ – Das ist das Jesuskind – unser
Heiland.
Wir hörten aber auch aus dem Buch des Propheten Micha: „Und
du, Bethlehem Efrata, die du klein bist unter den
Städten in Juda, aus dir soll mir der kommen, der in
Israel Herr sei“
Und wir hörten aus dem 11. Kapitel des Jesajabuches die
Worte: „Es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais
und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen. Auf ihm wird ruhen der Geist
des HERRN, der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und
der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des HERRN.“
Dies und die anderen Weissagungen, die nun mit dem Kommen
des Heilandes in diese Welt erfüllt sind, hörten wir.
In
der Adventszeit sangen wir:
Was
der alten Väter Schar
Höchster
Wunsch und Sehnen war,
Und
was sie geprophezeit,
Ist erfüllt nach Herrlichkeit.
Erfüllt ist nun, worauf schon die Väter des
alttestamentlichen Gottesvolkes hofften und was ihnen von Gott verheißen wurde:
daß Gott zu ihnen kommen möge. Mitten in den
Wirrnissen ihrer Zeiten sehnten sie sich ach Klarheit geschenkt über den Weg,
den sie nach Gottes Willen gehen sollten. Gottes Wort gab ihnen durch die
Weissagungen der Propheten Antwort.
Liebe Gemeinde! Wir hören diese alttestamentlichen
Weissagungen in unserer Zeit anders als die Menschen damals. Sie warteten noch
auf die Erfüllung, wir aber blicken am Fest der Geburt des Heilandes Jesus
Christus zurück und können nun singen:
Gott
sei Dank durch alle Welt,
Der
sein Wort beständig hält
Und
der Sünder Trost und Rat
Zu uns hergesendet hat.
Ja, Gott hält Sein Wort. Gott
lässt Sein Volk, das auf Ihn hofft, nicht im Stich. Das gibt auch uns
Zuversicht.
2. Die alttestamentlichen Weissagungen sind in die Finsternis
gesprochen
Der Prophet redet zum Gottesvolk Israel als von dem Volk, „das im
Finstern wandelt“.
Was heißt „im Finstern“.
Damit ist nicht jene anheimelnde Dunkelheit gemeint, wenn wir am Heiligen Abend
beim Schein der Kerzen das Weihnachtsevangelium hören. Sondern: Das Wort
„Finsternis“ bedeutet hier etwas ganz anderes. Es bedeutet Hoffnungslosigkeit
und Zukunftsangst, so wie die Finsternis, die Bergleute umgibt, wenn ihnen
ein Grubenunglück den Weg ins Freie versperrt, oder die Dunkelheit, die im
Luftschutzbunker Frauen und Kinder erschreckte, wenn während des Bombenhagels
plötzlich das Licht ausging. Das bedeutete Schrecken, Hoffnungslosigkeit und
Angst vor der Zukunft. Das alles hatte Gott über sein Volk kommen lassen.
Der Prophet redet von dem
„drückenden Joch, und der Jochstange auf der Schulter und dem Stecken ihres
Treibers“. Wir ahnen bei diesen Worten etwas von dem schrecklichen Schicksal
des Gottesvolkes Israel in jener Zeit. Es lebte unter der Knute einer fremden
Besatzungsmacht. Und wenn wir weiter hören von dem „Stiefel, der mit Gedröhn dahergeht, und dem Mantel, durch Blut geschleift“, dann
ahnen wir etwas von der Brutalität von Besatzungssoldaten, unter der das Volk
Israel damals leiden mußte.
Ja, Gott selbst war es,
der sein Volk Israel schrecklich heimgesucht hatte. Auch das Gottesvolk
bleibt von Gottes Gericht nicht verschont, wenn es Gottes Wege verläßt und nicht mehr dem Worte Gottes folgt. Auch wir
sollten erkennen, daß unser bisheriger Wohlstand
nicht selbstverständlich ist. Gott kann auch uns heimsuchen und unsern
Ungehorsam strafen.
Dann werden wir auch
erkennen, welchen Sinn die prophetischen Weissagungen haben. In die
Hoffnungslosigkeit und Finsternis hinein spricht Gott durch die Propheten zu
seinem Volke. Er will nicht, daß sein Volk in der
Hoffnungslosigkeit versinkt. Er verheißt Licht mitten in der Finsternis. Er
verweist darauf, daß er seinen Sohn in die Welt
senden wird, den Erlöser. Auf Ihn soll Gottes Volk seine Hoffnung setzen, denn
nur Er führt aus der Finsternis heraus.
3. Die alttestamentlichen Weissagungen weisen uns auf den
Heiland
Ja, liebe Gemeinde, es
ist schon ein Unterschied, ob wir diese Worte bei stimmungsvollen
Kerzenschein hören und unseren Herzen warm wird, wenn wir all die schönen
alten Weihnachtslieder singen, oder in der hoffnungslosen Situation des
Volkes Israel, das im Finstern saß und unter einer brutalen Besatzungsmacht
litt.. Wer verzweifelt und hoffnungslos ist, hört diese Weissagungen anders. Er
klammert sich an die Hoffnung, die ihm darin von Gott gegeben wird. Es mag eine
Hoffnung sein, der man selbst zunächst gar nicht trauen möchte, eine
verzweifelte oder bange Hoffnung, aber dennoch: Sie erscheint verheißungsvoll
erscheint, weil es Gott selbst ist, der sie gab.
Aber auch wenn wir heute
nicht unter einer tyrannischen Besatzungsmacht und nicht in einer Kriegszeit
leben, so sind doch viele Menschen gibt, voller Sorge oder schauen hoffnungslos
in die Zukunft. Ihre Sorgen bleiben auch bei den brennenden Kerzen am
Weihnachtsbaum und die Hoffnungslosigkeit bleibt auch, wenn die
Weihnachtsstimmung verschwunden ist. Sorgen macht uns die politische und
gesellschaftliche Situation unseres Volkes. Manch einem macht auch die
persönliche Lebenssituation Sorgen, sei es Krankheit oder Not, oder die Trauer,
wenn der liebste Mensch aus diesem Leben abberufen wurde.
Es geht ja auch gar nicht
um Weihnachtsstimmung. Das Wort Gottes will Verzweifelten eine bleibende
Hoffnung gegeben: Die wird uns allein in dem gegeben, der in Bethlehem geboren
wurde und in der Krippe lag. Die uralten Weissagungen behalten ihre Gültigkeit!
Gerade da, wo Hoffnungslosigkeit und Angst um sich greift, gibt uns Gott durch
sein Wort Hoffnung. Es sagt: Wir haben einen Heiland!
„Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und
die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held,
Ewig-Vater, Friede-Fürst“ – so lautet die alttestamentliche Weissagung. Nur bei
Ihm, dem Heiland Jesus Christus haben wir Hoffnung! Denn Er bringt uns das
Reich Gottes. So schauen wir staunend und anbetend auf das Kind in der Krippe:
Der Heiland ist geboren! Gott wurde Mensch! So beten wir den neugeborenen
Heiland an. Wie beten nicht eine in der Krippe liegende Puppe an, sondern betrachten das große Wunder (Mysterium) an, daß Gott selbst in die Finsternis dieser Welt kam.
4. Die alttestamentlichen Weissagungen erinnern uns daran, daß der Heiland auch zu uns kommt.
Liebe Gemeinde! Aber wir
bleiben auch an der Krippe nicht stehen. In der Weihnachtsausgabe der
Braunschweiger Zeitung wurde in einer Kolumne an die Bitte des Adventsliedes
erinnert: „Komm, o mein Heiland Jesus Christ.“ Diesen Vers singen wir in der
Adventszeit als eine rechte Vorbereitung auf das hl. Fest. Das tun wir jedes
Jahr Aber in dieser Kolumne der Braunschweiger Zeitung klang das ganz anders. Es
wurde daran die Frage geknüpft: „Doch was wäre, wenn diese Bitte gewährt
würde?“ Offenbar meint man, Gott höre diese Bitte nicht.
Wenn das so wäre, dann
brauchten wir nicht Weihnachten feiern! Nein, der Heiland, der damals als
kleines Kind in der Krippe von Bethlehem lag, kommt auch heute zu ns. Er blieb
ja nicht ein Kind. Er ging seinen Heilandsweg für uns weiter, den Weg über das
Kreuz und die Auferstehung zur Vollendung des Reiches Gottes. Er wurde Mensch,
damit wir Anteil haben an Seinem Reich. In der Heiligen Taufe hat er uns in
Sein Reich berufen. Wir dürfen in Seinem Reich mit Ihm leben. Darum bleiben wir
beim Singen jenes Adventsliedes nicht bei der Bitte um Sein Kommen stehen,
sondern können weiter beten: „Meins Herzens Tür dir offen ist!“ und „Ach
zieh mit Deiner Gnade ein!“
So
wunderbar es ist, anbetend vor seiner Krippe zu stehen, so bleiben wir doch da
nicht stehen. Er redet auch heute durch sein heiliges Wort zu uns, das uns in
der Kirche verkündigt wird. Er kommt wirklich und wahrhaftig zu uns mit Seinem
heiligen Leib und Blut .im heiligen Sakrament. Da schwindet alle Finsternis und
Hoffnungslosigkeit. Nun weiß ich, er geht mit mir und ich gehe mit ihm, auch
wenn er mich durch das finstere Tal führt. Nichts kann mich mehr schrecken. Ich
weiß, ebenso wie es zur Zeit des Alten Testaments allein in Seiner Hand steht,
uns entweder zu segnen oder heimzusuchen und Strafen aufzuerlegen. Er bleibt
mein gnädiger Gott.
Ganz
gleich, ob die Sorgen über unser Volk und unsere Gesellschaft berechtigt sind
oder nicht, Gott will uns nicht in Finsternis und Hoffnungslosigkeit versinken
lassen. Darum wollen wir bei unserm Herrn und Erlöser bleiben und in seinem
Lichte wandeln. Uns ob mir gleich persönlich Kreuz und Leid auferlegt wird, ja
selbst wenn der Doktor zu mir sagt: Du hast Krebs, will ich mich nicht in die
Finsternis des Zweifels und der Hoffnungslosigkeit zurückversetzen lassen,
sondern an der Hand meines Heilands auf dem Weg zur Vollendung des
Gottesreiches gehen. Das will uns die Weiuhnachtsbotschaft
sagen:
Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht,
und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.
Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und
die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held,
Ewig-Vater, Friede-Fürst;
Amen.