Pfarrer Max Witte, + 11. Juli 1955

Am 5. Juli 1909 zu Kötermoor in Oldenburg geboren, studierte er in Tübingen zuerst Germanistik und dann Theologie. Er trat in den Dienst der Braunschweigischen evang.-luth. Landeskirche, war als Vikar in Leinde tätig und danach In Wahle. Am 6. Juli 1935 wurde er in der Hauptkirche B. M. V. zu Wolfenbüttel zum geistlichen Amte ordiniert. In Wahle fand er besonders durch die Lektüre der Schriften Wilhelm Löhes zu einer klaren Erkenntnis von der lutherischen Kirche und ihrem katholischen Bekenntnis.

Im Kampf gegen die Irrlehren der Deutschen Christen stand er in der Gemeinschaft des Pfarrernotbundes. 1942 wurde er als Pastor von St.Ulrici an die Brüdernkirche zu Braunschweig gewählt. Im Kriege tat er als Soldat Dienst und war nach Kriegsende in Frankreich als Lagerpfarrer unter den Kriegsgefangenen tätig, wo er eine große geistliche Wirksamkeit entfaltete.

1947 zurückgekehrt, ging er sofort an den Neuaufbau seiner total ausgebombten Gemeinde und sammelte in der allein noch benutzbaren Sakristeikapelle der Brüdernkirche durch seine geistesmächtige Predigt eine neue Gemeinde um Gottes Wort und Sakrament. Selbst tief verwurzelt in dem Leben aus den Gnadenmitteln der hl. Kirche, weckte er die Liebe zum Worte Gottes und besonders zum hochwürdigsten Altarsakrament, sowie zur hl. Liturgie. Aus neu aufbrechender Sündenerkenntnis führte er die Gemeinde zu den Gnadenschätzen des Altares. Auch die Einzelbeichte kam wieder in Übung.

Durch sein priesterliches Wirken erblühte mitten in den Trümmern ringsum ein starkes neues geistliches Leben, gespeist aus den Quellen der hl, Gnadenmittel, das sich gottesdienstlich und liturgisch reich entfaltete. Die häufige Feier der hl. Messe und der tägliche Gebetsdienst. im Stundengebet der Kirche, verbunden mit täglicher Predigt des Wortes Gottes, wurde das Brot der Gemeinde.

In großer Liebe war Max Witte der Vater seiner Gemeinde, für die er treu betete. Er erzog sie auch zu missionarischer Verantwortung. So ging er mit ihr auf die Straße und predigte mitten im Menschengewühl das Wort Gottes. Seine Predigt war von Gesetz und Evangelium geprägt und stets auf den herzfrischen Ton der Gnade Jesu für die Sünder gestimmt. Er nannte die Sünde beim Namen und wies mit tiefer Eindringlichkeit den Weg zu dem in den Gnadenmitteln gegenwärtigen Herrn Jesus Christus, der unsere Sünden getragen hat.

Dabei hielt er sich streng an das Bekenntnis der Kirche und verwarf die entgegenstehende Lehre als Irrlehre, wie er auch ein klares Nein sprach zu aller Glaubensmengerei am Altar und zu falscher Kirchenunion ohne Einheit im Glauben und Bekennen. Er kämpfte mit leidenschaftlichem Einsatz für die Geltung des hl. Glaubens in der Kirche. Durch sein 8-jähriges Wirken an Brüdern entstand eine lebendige, im geistlichen Leben der heiligen katholischen und apostolischen Kirche verwurzelte und an das evang.-luth. Bekenntnis innerlich gebundene Gemeinde.

Der schonungslose Einsatz seiner Kräfte im priesterlichen Dienst warf Max Witte 1950 auf das Krankenlager, so daß er, an Lungentuberkulose erkrankt, längere Zeit seiner Gemeinde fern sein mußte. Daß in dieser Zeit das gottesdienstliche Leben der Gemeinde durch den Dienst befreundeter Amtsbrüder weiterging, war seine große Freude. Vom Krankenlager aus begann er seinen "Brüdern-Rundbrief" zu schreiben, der im Laufe der Jahre zu einem Organ leidenschaftlichen Mahnens vom lutherischen Bekenntnis her in den kirchlichen Zeitfragen wurde. Gegen seine Arbeit und die im gottesdienstlichen Leben bezeugte Bekenntnisgebundenheit der Gemeinde erhob sich schärfste Bestreitung in der Landeskirche, die schließlich 1954 zu einem Sondergesetz der Braunschweigischen Synode gegen einige gottesdienstliche Gebräuche der Gemeinde führte.

Im Kampf um das Bekenntnis und die Freiheit des Gottesdienstes wurden die Kräfte seiner ohnehin beeinträchtigten Gesundheit vollends aufgerieben, Bis zuletzt war Max Witte priesterlich tätig, noch von dem Krankenlager aus, das sein Sterbelager werden sollte, predigte er der Gemeinde auf Tonband und mahnte sie zum Feststehen im Bekenntnis der Kirche.

An seinem 46. Geburtstag, dem 5. Juli 1955, begann mit einer Lungenembolie sein Todesleiden. Den 6. Juli, seinen 20-jährigen Ordinationstag erlebte er noch bei vollem Bewußtsein. Zu diesem Tage hatte er noch Seine Freunde um ihre Fürbitte gebeten und über sich selbst geschrieben:

"Er bekennt in diesen widerwärtigen Zeiten fröhlich die Unfehlbarkeit des geschriebenen Wortes Gottes und daß das Buch Concordia (die evgl.-luth. Bekenntnisschriften) den alleinseligmachenden Glauben der Kirche Gottes getreu der Heiligen Schrift bezeugt (darin er Ev. St.Lucas 15 am liebsten hat)"

Auf seinem Sterbelager wurde Pastor Max Witte gestärkt mit den hl. Sakramenten und getröstet durch das Wort der Schrift und die Lieder der Kirche. Am 11. Juli 1955 nahm Gott Seinen treuen Diener zu Sich in die Ewigkeit. Sein Leib wurde am 14. Juli auf dem Braunschweiger Hauptfriedhof bestattet und harrt dortselbst einer fröhlichen Auferstehung. Die Hl. Schrift aber mahnt uns: "Gedenket an eure Lehrer, die euch das Wort Gottes gesagt haben, ihr Ende. schauet an und folget ihrem Glauben nach" (Hebr. 13).


Am Sonntag, 12. Juli 1999 hielt Pfarrer i. R. Jürgen Diestelmann zum Gedenken an den Todestag von Pastor Max Witte die nachfolgende Predigt über Jes 12,1-6 - "Das Danklied der Erlösten".

Jes 12,1 Zu der Zeit wirst du sagen: Ich danke dir, HERR, daß du bist zornig gewesen über mich und dein Zorn sich gewendet hat und du mich tröstest.

2 Siehe, Gott ist mein Heil, ich bin sicher und fürchte mich nicht; denn Gott der HERR ist meine Stärke und mein Psalm und ist mein Heil.

3 Ihr werdet mit Freuden Wasser schöpfen aus den Heilsbrunnen.

4 Und ihr werdet sagen zu der Zeit: Danket dem HERRN, rufet an seinen Namen! Machet kund unter den Völkern sein Tun, verkündiget, wie sein Name so hoch ist!

5 Lobsinget dem HERRN, denn er hat sich herrlich bewiesen. Solches sei kund in allen Landen!

6 Jauchze und rühme, du Tochter Zion; denn der Heilige Israels ist groß bei dir!

Liebe Gemeinde!

Am 1. Juli 1955, also vor 44 Jahren rief Gott Pastor Max Witte aus diesem irdischen Leben heim in sein himmlisches Reich. Ich wurde aus diesem Anlaß gebeten, heute die Predigt zu übernehmen, um an Pastor Witte zu erinnern. Nach 44 Jahren sind es nur noch wenige Gemeindeglieder, die persönliche Erinnerungen an ihn haben. Aber diejenigen unter uns, die ihn noch gekannt haben, werden mir bestätigen: Es wäre nicht in seinem Sinne, wenn aus solchem Anlaß eine Gedenkpredigt gehalten würde, bei der er allein als Person im Mittelpunkt stünde.

Darum möchte ich in dieser Predigt nur einige persönliche Erinnerungen an den Todestag von Pastor Witte wiedergeben, die mit dem verlesenen Predigtwort aus dem Jesajabuche unmittelbar zusammenhängen.

Es war bekannt, daß Pastor Witte an den Folgen seiner Lungentuberkulose (er hatte sich diese durch Ansteckung in der Krankenhausseelsorge zugezogen) schwer erkrankt war. Ebenso wie in diesem Jahr waren die Julitage 1955 sehr warm. Als ich hörte, daß sich Pastor Wittes Zustand akut verschlechtert hatte, kam ich hierher und fand in den Gemeinderäumen eine Anzahl Gemeindeglieder versammelt. Sie beteten und sangen aus dem Gesangbuch Sterbe- und Ewigkeitslieder. Darum hatte Pastor Witte gebeten, besonders das Lied von Paul Gerhard "Schwing dich auf zu deinem Gott". Von den 10 Versen dieses Liedes lese ich jetzt nur 3 Verse:

1. Schwing dich auf zu deinem Gott, / du betrübte Seele ! / Warum liegst du - Gott zum Spott - / in der Schwermutshöhle ? / Merkst du nicht des Satans List ? / Er will durch sein Kämpfen / deinen Trost, den Jesus Christ dir erworben, dämpfen.

4. Christi Unschuld ist mein Ruhm, / sein Recht meine Krone, / sein Verdienst mein Eigentum, / darin frei ich wohne / als in einem festen Schloß, / das kein Feind kann fällen, / brächt er gleich davor Geschoß / und Gewalt der Höllen.

10. Ei, so faß, o Christenherz, / alle deine Schmerzen, / wirf sie fröhlich hinterwärts; / laß des Trostes Kerzen / dich entzünden mehr und mehr. / Gib dem großen Namen / deines Gottes Preis und Ehr! / Er wird helfen. Amen.

Dieses und andere Lieder haben Pastor Witte auf seinem Sterbelager sehr getröstet. Langsam verlor er darüber das Bewußtsein. Da es sich bis zum späten Abend hinzog, gingen die Gemeindeglieder spät abends nach Hause. Aber am nächsten Morgen um 7 Uhr zur Mette - damals wurde sie täglich um 7 Uhr gehalten - waren die meisten von ihnen wieder da. Mir fiel die Aufgabe zu, ihnen in der Mette mitzuteilen, daß es in der Nacht mit Pastor Witte zu Ende gegangen war.

In der täglichen Mette wurde damals auch gepredigt. Predigttext für die Mette dieses Tages waren die verlesenen Worte aus dem Jesajabuche. In unseren Bibelausgaben steht als Überschrift darüber: "Das Danklied der Erlösten.".

Damals war ich selber war etwas mehr als zwei Jahre zuvor von der Universität gekommen, vollgestopft mit den Methoden der angeblich "modernen" schriftkritischen Auslegungsmethode. Von ihnen her ist es ja nicht gerade leicht machen, in solchen schwierigen Situationen tröstende Worte zu finden. Diese Methoden gehen davon aus, daß die Berichte in den Evangelien und den anderen Schriften der Bibel letztlich nichts anderes sind als subjektive Glaubensaussagen. Aber auf subjektive Überzeugungen kann man keinen Trost gründen. Manche "modernen" Schriftausleger kamen zum Beispiel auf die Idee, es sei nur Einbildung der Apostel gewesen, daß Jesus auferstanden sei. Seine Knochen lägen in Wirklichkeit noch im Grabe. Kann es dann eine Auferstehungshoffnung geben?

Aber es verhält sich ja anders. Das zeugnis der Evangelisten, der Apostel und Propheten ist die Wiedergabe wirklicher Gescehnisse. Gott selbst war diesen Menschen begegnet. Ebenso geht es in der Kirche auch um die Begegnung mit dem ewigen Gott mitten in der Wirklichkeit unseres Lebens. Darauf beruht alle christliche Verkündigung. Davon ging auch Pastor Witte in seinen Predigten aus. Es gilt auf das Wort Gottes zu hören so, wie es uns in der Heiligen Schrift gegeben ist. Beim Hören auf das Wort Gottes und bei der Feier des heiligen Altarsakramentes begegnet man Ihm, dem Dreieinigen Gott.

Für mich war es natürlich ein hartes Angehen, nach dieser Nacht, in der ich nur wenig Schlaf gefunden hatte und noch unmittelbar unter dem Eindruck von Pastor Wittes Sterbelager stand, eine Predigt zu halten. Aber da standen nun diese Worte vor mir und sie erwiesen sich stärker als alle Traurigkeit, alle Müdigkeit und alle Verzagtheit. Als erstes die Worte: "Ich danke dir, HERR, daß du bist zornig gewesen über mich und dein Zorn sich gewendet hat und du mich tröstest." Wie oft hatten wir unter der Bußpredigt Pastor Wittes gehört, daß Gottes Zorn über uns sündigen Menschen liegt, daß es in unserer menschlichen Natur liegt, den Gedanken an einen zornigen Gott von uns fort zu schieben, daß aber Jesus allein den Zorn Gottes über unsere Sünde von uns zu nehmen.

Jetzt, wo uns der Hirte genommen wurde, der uns in so unvergleichlicher Weise auf die Weide des guten Hirten Jesus Christus geführt hatte, vermeinten wir unmittelbar diese merkwürdige Doppelheit zu spüren, die in diesen Worten liegt: Einerseits den Zorn Gottes. Denn immer dann, wenn Katastrophen oder Unglücksfälle über uns hereinbrechen, oder auch immer dann wenn wir miterleben müssen, wie ein uns nahestehender Mensch aus diesem Leben abberufen wird, dann spüren wir, wie unbegreiflich Gott handeln kann. Das ist ja Gottes Zorn.

Aber zugleich stand uns auch das andere vor Augen. "Christi Unschuld ist mein Ruhm, / sein Recht meine Krone, / sein Verdienst mein Eigentum, / darin frei ich wohne / als in einem festen Schloß, / das kein Feind kann fällen, / brächt er gleich davor Geschoß / und Gewalt der Höllen." Das hatte uns Pastor Witte immer und immer wieder gepredigt und mit diese Worte hatte ihn selbst in seinen letzten Stunden gehalten und aufgerichtet, so daß er getrost zu seinem Heiland heimkehren durfte. "Ich danke dir, HERR, daß du bist zornig gewesen über mich und dein Zorn sich gewendet hat und du mich tröstest." Mit diesen Worten konnte ich darum den Gemeindegliedern mitteilen, daß das irdische Leben Pastor Wittes nun vollendet war.

Aber auch die weiteren Worte aus dem Jesajabuch erwiesen sich in dieser Stunde so trostvoll und zugleich so wegweisend. "Siehe, Gott ist mein Heil, ich bin sicher und fürchte mich nicht; denn Gott der HERR ist meine Stärke und mein Psalm und ist mein Heil." Die Gnade unseres Herrn und Heilandes Jesus Christus, das Heil, das wir hier am Altar in Brüdern in Wort und Sakrament immer und immer wieder suchen und finden dürfen, gibt allein uns die Sicherheit, die alle Furcht vor Gottes Zorn schwinden läßt.

Denn hier gilt ja die Verheißung, die der Prophet Jesaja schon zur Zeit des Alten Testaments verkündigen durfte: "Ihr werdet mit Freuden Wasser schöpfen aus den Heilsbrunnen."

So leben wir denn getrost in dieser Zeit unseres irdischen Lebens und nehmen alles an, was Gott der Herr uns schickt und auferlegt. Wir gehen so, wie das Gottesvolk Israel auf dem Wege durch die Wüste dem gelobten Land entgegen zog, durch unser irdisches Leben dem ewigen Ziele zu, das uns Jesus durch die Erlösung vor Augen gestellt hat. Gericht und Gnade erfahren wir auf diesem Wege ebenso wie Israel. Auch wir dürfen der Stunde, da uns der Herr zu sich ins Himmelreich ruft, getrost entgegengehen. Auch vor uns steht die lebendige Hoffnung der Auferstehung und des ewigen Lebens, denn Gott gibt auch uns die Verheißung, die Jesaja verkündigen durfte: "Ihr werdet sagen zu der Zeit: Danket dem HERRN, rufet an seinen Namen!"

Mehr als 50 Jahre sind es her, daß inmitten der Trümmer der Nachkriegszeit das geistliche Leben am Brüdernaltar neu erblühte. Mehr als 40 Jahre ist es her, seit Pastor Witte die Augen schloß. Als ein Sünder, der sich in der Gnade und Vergebung Jesu Christi sicher und geborgen wußte, hatte er gelebt, verkündigt und seinem Heiland gedient. Noch haben wir hier den Altar. Noch haben wir hier die Heilige Messe, Wort und Sakrament

Ringsum Israel lebten Heidenvölker, die diese einzigartige Erwählung Gottes nicht erfahren hatten. Darum fuhr der Prophet in seiner Verkündigung fort: "Machet kund unter den Völkern sein Tun, verkündiget, wie sein Name so hoch ist! Lobsinget dem HERRN, denn er hat sich herrlich bewiesen. Solches sei kund in allen Landen!"

Auch uns ist auferlegt, Zeugen des gnädigen Handelns Gottes vor den Heiden rings um uns zu sein. Das tun wir am besten, indem wir uns unbeirrt zu seinem Wort und Sakrament zusammenfinden und uns dadurch stärken lassen von Gott dem Herrn, erfüllt werden von der Kraft Seines Heiligen Geistes. So können wir Zeugnis geben von dem, was der Herr in seiner unergründlichen Gnade an uns tut. "Jauchze und rühme, du Tochter Zion; denn der Heilige Israels ist groß bei dir!" Amen.


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