Osterpredigt
Diese Predigt hielt Pfarrer i.R. Jürgen Diestelmann am 1. Osterfesttag (15. April 2001) in der Brüdernkirche zu Braunschweig.
Markus 16, 1-8
1 Als der Sabbat vergangen war, kauften Maria von Magdala und Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um hinzugehen und ihn zu salben.
2 Und sie kamen zum Grab am ersten Tag der Woche, sehr früh, als die Sonne aufging.
3 Und sie sprachen untereinander: Wer wälzt uns den Stein von des Grabes Tür?
4 Und sie sahen hin und wurden gewahr, daß der Stein weggewälzt war; denn er war sehr groß.
5 Und sie gingen hinein in das Grab und sahen einen Jüngling zur rechten Hand sitzen, der hatte ein langes weißes Gewand an, und sie entsetzten sich.
6 Er aber sprach zu ihnen: Entsetzt euch nicht! Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden, er ist nicht hier. Siehe da die Stätte, wo sie ihn hinlegten.
7 Geht aber hin und sagt seinen Jüngern und Petrus, [a ] daß er vor euch hingehen wird nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen, wie er euch gesagt hat.
8 Und sie gingen hinaus und flohen von dem Grab; denn Zittern und Entsetzen hatte sie ergriffen. Und sie sagten niemandem etwas; denn sie fürchteten sich.
Liebe Gemeinde!
"Das ist ja eigentlich kein richtiges Ostern." - Diese Meinung konnte man in diesen Tagen mehrfach hören, als sich auf der Wetterkarte abzeichnete, daß es zu Ostern kühl und regnerisch sein würde. Aber daß Ostern ein Frühlingsfest sei, an dem man einen herrlichen Frühlingsmorgen erwartet, an dem die frische Blütenpracht in herrlichem Sonnenlicht erstrahlt, das ist eine Weisheit für Kreuzworträtselrater.
Ostern ist für uns Christen nicht das Fest der germanischen Frühlingsgöttin Ostara, sondern das Fest der Auferstehung unseres Herrn Jesu Christi. Es ist das Fest, an dem der Osterjubel erklingt, der Triumphgesang über den Sieg des gekreuzigten Heilandes über die Mächte der Finsternis. Dieser Osterjubel erklingt heute überall in der Welt, wo Christen Ostern feiern, sei es in der sengenden Sonne des Äquators oder dem eisigen Wetter der Antarktis. Er ist nicht abhängig von der Wetterlage. Ob uns die Meteorologen nun ein Hoch oder Tief ansagen. Nach der tiefen Erniedrigung des Herrn am Karfreitag hören wir nun, daß er lebt, daß er auferstanden ist. Nun dürfen wir fröhlich das österliche Halleluja singen.
Allerdings: In gewisser Weise ist es ja dennoch richtig, an diesem Fest ein herrliches, strahlendes Wetter zu erwarten. Über der Botschaft von der Auferstehung müßte ja doch die ganze Schöpfung Gottes froh werden und jubeln. So gewaltig ist diese Botschaft! In anderen Jahren, wenn zu Ostern wirklich ein strahlender Frühlingstag angebrochen ist, empfinden wir das vielleicht so. Dann denkt man unwillkürlich: Die ganze Natur feiert die Auferstehung des Herrn mit.
Aber wie war es doch an jenem Morgen, als jene Frauen zum Grabe Jesu kamen? Ihnen war es gewiß nicht danach zumute, nach dem Wetter zu fragen. Es gab für sie zunächst nichts von strahlendem Jubel und großer Osterfreude.
Frauen waren es, die als erste die Osterbotschaft hörten. Sie hielten in ihrer Treue und in ihrer Frömmigkeit auch über den Tod hinaus an ihrem Heiland fest. Wir Männer müssen beschämt zur Kenntnis nehmen, daß die Frauen darin uns vieles voraus haben. Sie reagieren oftmals ganz anders als wir Männer. Die Jünger verharrten jedenfalls noch in ihrem lähmenden Schmerz hinter den verschlossenen Türen. Sie sahen keine Zukunftschancen mehr. Dabei waren sie doch als Apostel vom Herrn beauftragt und ausgesandt, um das Evangelium in aller Welt zu verkündigen. Wie soll das geschehen in Verzagtheit und ohne Liebe und Treue zum Heiland, wenn man sich durch die Anfechtung des Todes ins Wanken bringen läßt?
Nein, die Frauen lassen sich nicht so leicht irremachen im Glauben wie wir Männer, das sagt uns diese Ostergeschichte ganz deutlich, selbst als es noch nicht der Osterglaube war, der sie erfüllte. Alle, Männer und Frauen standen gleichermaßen ganz im Zeichen des entsetzlichen Geschehens von Karfreitag. Aber die Frauen, die sich nach Beendigung der gebotenen Sabbatruhe in der Frühe des Ostermorgens auf den Weg machten, hatten in ihren Herzen keinen anderen Gedanken als den: Werden wir nach der Katastrophe des Karfreitags den Heiland noch wiederfinden?
Alles war so unbegreiflich geworden! Hatten wir nicht alle Hoffnung auf diesen Jesus gesetzt? Auch heute fragen viele Menschen, wenn sich Katstrophen zutragen: Wo bist du, wo warst du, Gott? Hat Gott uns verlassen, so wie Jesus selbst am Stamm des Kreuzes in seiner letzten Stunde noch mit den Worten des Psalms gebetet, gerufen, geschrien hatte!
Dies war die innere Verfassung der Frauen am Ostermorgen. Das gehört zur Realität des Ostermorgens! - Etwas ganz anderes als eine österliche Frühlingsstimmung. Das ist die Realität, wie Gott handelt. Auch die frommen Frauen spürten, daß Gott in seinem Tun unbegreiflich ist. Mit ihren Gedanken: "Wo finden wir den toten Heiland", kamen sie nicht weiter.
Begreiflich sind ja unsere menschlichen Spekulationen über Gott. Bei ihnen muß alles logisch und einleuchtend zugehen. In einer Diskussion über den Kreuzestod Jesu, die im Radio übertragen wurde, hörte ich kürzlich eine solche Spekulation: Jesus - so dagte einer - könne doch nicht Gottes Sohn gewesen sein und das Opfer am Kreuz könne doch nicht ein Erlösungsopfer sein, denn Gott habe es doch nicht nötig, sich eines solchen blutigen Opfers zu bedienen. Ja, das klingt logisch, das klingt begreiflich. Und doch geht es ganz an der Wirklichkeit vorbei. Die Wirklichkeit ist das große Entsetzen darüber, daß sich diese Katstrophe wirklich ereignete.
In diese Stimmung am Ostermorgen erklingt das Wort: "Entsetzet euch nicht! Ihr sucht Jesus, den Gekreuzigten. Er ist nicht hier!" - so sprachen der Engel zu den Frauen. Ja, es ist recht, den Gekreuzigten zu suchen. ER ist unser Heil. ER ist am Kreuz gestorben, um unsere Sünde zu tragen, um uns herauszureißen aus der Verfallenheit zum Tode. Er lebt und wir sollen auch leben. Darum sollen wir Ihn suchen, aber nicht bei den Toten und nicht im Grabe von Golgatha.
Damit unsere Herzen bei Ihm Frieden, Vergebung und Gnade finden, ist er auferstanden. Gerade deshalb mußte ja am Karfreitag unser Herz so von Entsetzen und Schmerz ergriffen sein, weil Er, unser Heiland, es ist, der dort am Kreuze hing. Aber unser Entsetzen kann nicht allein in dieser Katstrophe allein begründet sein, sondern vor allem darin, daß dies Gericht, das über Ihn erging, das Gericht über unsere Sünde war und ist. So richtet Gott unsere Sünde und nimmt sie doch selbst am Kreuz auf sich. Darum ist es richtig, den Gekreuzigten zu suchen.
Aber suche deinen Heiland nicht in menschlich-logischen Überlegungen. Denn das noch viel Unbegreiflichere ist geschehen: ER ist ja auferstanden. So wird den Frauen, die ihrem Herrn auch über den Tod hinaus die Treue halten wollen, gesagt: Gehet hin und sagt es Seinen Jüngern. Er wird vor euch hingehen wird nach Galilaä. Sagt es den Jüngern, Seinen Boten. Sagt es den Aposteln, auf deren Bekenntnis der Herr seine Kirche gründen will. Die Kirche darf nun in der Vollmacht ihres auferstandenen Herrn verkündigen: Der Herr ist auferstanden. Gewiß, die Jünger sind hernach ihrem Herrn auch begegnet. Sie durften mit Ihm sprechen. Sie durften von Ihn neue Sendung und Vollmacht erfahren, aber sie hatten diese Botschaft zunächst von den treuen, frommen Frauen, die als erste den Ort schauten, an dem Er gelegen hatte und an dem ihnen nun durch den Engel verkündigt wurde. Er ist nicht hier, Er ist auferstanden.
Da habe ich ein Bild vor Augen, das in der Zeit durch das Fernsehen ging, als in Rußland noch die Sowjets regierten. ein Bild von einem Ostergottesdienst in einer russischen Kirche. Es waren überwiegend Frauen, die da versammelt waren. Gewiß, es gab auch russische Männer, die sich in ihrem Herzen noch nicht vom Glauben der Kirche gelöst haben und gelegentlich heimlich Kirchen aufsuchen. Aber diese Frauen, dies Matkas, die da im russischen Ostergottesdienst zu sehen waren, mit ihren brennenden Osterkerzen in der Hand, waren gleichsam ein Sinnbild dafür, daß es die frommen Frauen sind, die der Kirche den Osterglauben überlieferten und bewahrten.
"Er wird vor euch hergehen, wie Er euch gesagt hat!" Das sollen die Frauen weitersagen. Ja, Er geht auch vor uns her, wie Er gesagt hat. Er ist bis zum Ende dieser Welt in seiner Kirche gegenwärtig. Hier lebt er und schenkt uns, seinen Gläubigen, neues Leben. Er geht uns voran mit Seinem heiligen Wort und mit Seinem Heiligen Geist. Er ist bei uns in Seinen heiligen Sakramenten - wie Er gesagt hat. Er lebt ja, wir haben keinen toten Heiland.
Das muß man heutzutage vielleicht deutlicher sagen und bekennen, gerade weil man zuweilen auch aus dem Munde von Theologen, die es aus der Bibel besser wissen sollten, anders hören kann: Jesus lebt. Er ist auferstanden. Er hat das Grab verlassen. Er ist es, von dem schon der Prophet weissagte: Er nahm auf sich unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen. Das tat Er, als Er am Kreuze starb. Nun aber ist Christus auferstanden. Er ist am dritten tage auferstanden und geht nun selbst vor den seinen her. Wir dürfen Ihm folgen, und zwar nicht nur auf den Wegen unseres irdischen Lebens, auf denen Er uns schon jetzt mit Seiner überströmenden Gnade beglückt und erquickt, sondern bis hin die himmlische Herrlichkeit.
Unbegreiflich und herrlich ist darum diese Osterbotschaft: Mitten in unsere Gedanken und Spekulationen hinein, warum Gottes Tun so unbegreiflich ist, kommt diese Botschaft: Der Herr ist auferstanden. ER gibt uns neue Hoffnung. Und wenn wir es mit dem Verstand auch nie begreifen, so dürfen wir es doch glauben und annehmen. Er sagt es uns selbst durch Sein Wort. Hier an Seinem heiligen Altar, wo Er gegenwärtig im allerheiligsten Sakrament ist und gnadenvoll bei uns einkehrt, spüren wir es besonders deutlich, daß er wahrhaft lebt und uns Anteil schenkt an seinem Leben.
Darum - um noch einmal auf den Anfang dieser Predigt zurückzukommen - ob es nun herrliches Frühlingswetter ist oder ob es nun regnet und stürmt, Ostern bleibt Ostern, das Fest der Auferstehung unseres Herrn. Und ob Gott uns in unserem Leben gut und glückliche Tage schenkt oder ob er uns durch Not und Anfechtung führt, er ist und bleibt unser auferstandener Herr, der bei uns ist alle Tage bis an der Welt Ende. Darum stimmen wir mit der ganzen gläubigen Kirche auf Erden in den österlichen Jubelgesang ein und preisen den Auferstandenen!
Der Herr ist auferstanden!
ER ist wahrhaftig auferstanden! Halleluja. Amen.
Oben: Gotischer Schlußstein über dem Hochaltar der Brüdernkirche
Unten: Ikone aus Korfu (etwa 18. Jhdt.)
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